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  • Anja Marwitz

Tag 6 Around Norway

Fjord geht auch mit Sonnenschein!

Als wir uns am Morgen aus unserer ungemein bequemen Bettstatt schälen, denk ich nur „Boah, kein Bock mehr auf den Scheiß hier, warum nicht einfach liegenbleiben?“ Dieser Überlebenskampf die letzten beiden Tage hat unheimlich körperliche und mentale Körner gekostet.


Doch es hilft nichts, wir sind hier in The Middle of Nowhere und außer uns selbst wird uns keiner hier rausholen. Erstmal 200 Meter bis zur Tankstelle rollen. Nach 2 Kaffee und dem Standard-Käsebaguette (mit ohne Schinken, wie wir ausführlich der ungläubigen Bedienung erklären) sieht die Welt schon wieder anders aus. Insbesondere, weil wir natürlich wieder auf unsere griechische Lieblings-Konkurrenz treffen und uns erstmal eine geschlagene Stunde im Tankstellen-Café gegenseitig bemitleiden. Aber mal ernsthaft, denn die beiden haben nicht mal eine Regenhose dabei (so `nen Quatsch braucht man in Griechenland sicher schlichtweg nicht) und fahren die ganze Zeit mit kurzer Hose und mickrigen Knielingen durch die Gegend. Dazu dünne Sommerhandschuhe und eine flattrige Windjacke, die nach 5 Sekunden diesem Regen hier sicher nichts mehr entgegenzusetzen hat. Und ICH dachte schon, ich wäre hart!


Kurze Regeneration um danach den Griechen davonzufahren

Zum Glück geht es zum Warmwerden erstmal bergauf. Ja, man freut sich tatsächlich über die Anstiege! Weil man da ausnahmsweise seine Gliedmaßen spürt. Da ist es irgendwie beruhigend, wenn die Kniegelenke quietschen und sie Fußsohlen brennen, denn so kann man wenigstens sicher sein, dass noch nichts abgefroren ist. Mit jeder Kehre, die wir uns entlang einer Skipiste hochschrauben, wird die Aussicht mal wieder grandioser! Und dann die Abfahrt auf der anderen Seite des Passes! Ja, natürlich kalt, nass und in Nebelschwaden getaucht. Aber SPEKTAKULÄR! Als wir die griechischen Foltermaschinen mit knallharter Profiübersetzung am nächsten Shop stehen sehen, entschließen wir uns, bis ins Tal abzufahren, damit wir nicht nach einer Pause direkt weiter runterfahren müssen. Nebenbei können wir uns so noch unbemerkt vorbeischleichen.


Christian (der kleine Punkt) schlängelt sich durch die vernebelten Serpentinen ins Tal

Vorbei geht es auch an rauschenden Wasserfällen, das enge Tal öffnet sich immer weiter, gibt schließlich einen malerischen Blick auf den Hardangerfjord frei, wo wir bis über beide Wangen grinsend an der nächstbesten Tankstelle vorfahren. Während wir unsere Instantsuppe löffeln, reißt der Himmel immer mehr auf. Und so werden wir mit phantastischen Aussichten für die Quälerei der letzten Tage belohnt, als wir entlang der spektakulären Uferstraße rollen. Der Spaß geht den ganzen Tag weiter, so gut wie flach am Fjord entlang, herrlich!


Ich setze zum Überholmanöver gegen Hellas an!

Dann geht es über eine imposante Brücke, die sich wie die Golden Gate Bridge über den ganzen Fjord spannt! Genial, die norwegischen Straßenbauer können also nicht nur sausteile Serpentinen und Tunnel, sondern auch verwegene Brücken!



Doch der Rennorganisator Michi lässt uns natürlich nicht einfach nur einmal im Kreis um den Fjord fahren, nein, das wäre ja zu einfach… Doch der nun kommende Anstieg mit anschließendem Fjell ist einfach nur ein Bonbon für jeden Rennradfahrer! In der goldenen Abendsonne schrauben wir uns mit ständigem Blick auf den romantischen Fjord nach oben. Vor lauter Übermut hält Christian sogar einige Kehren mit einem lokalen Mountainbiker mit, der große Augen macht. Oben angekommen geht es nicht weniger zauberhaft weiter mit tosenden Wasserfällen, schroffen Steilwänden, glitzernden Bergseen, an denen idyllische Holzhäuschen mit Paddelboot davor stehen. Wir haben das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Kein Auto stört die folgende perfekte Abfahrt. Und als Krönung wartet auch noch eine Ecke mit reifen wilden Erdbeeren direkt am Fahrradweg auf uns, als wir wieder im Tal sind. Wir sind glücklich!


Kapriolen des Klimawandels: Fjord-Flamingo :-)

Gutgelaunt schrauben wir uns weiter am Fjord entlang, jetzt quasi auf der anderen Seite und im letzten Dämmerlicht. Alle Campingplätze sind ausgebucht, wir müssen heute also wieder auf Zelt statt Hütte setzen, aber nun ist das Wetter ja auch in Ordnung, allerdings immer noch frisch mit 8-10 Grad in der Nacht. Und die Wiesen sind allesamt gut nassgeregnet. Auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen fahren wir eine Siedlung hoch, an deren Ende sich ein Spielplatz befindet. Auf diesem steht in kleines Holzhäuschen für die Spielsachen der Kinder im Winter. Nun ist hier gerade genug Platz für zwei Isomatten. Wunderbar, Christian putzt noch die Schottersteinchen zur Seite, damit unsere Matten keinen Platten kriegen, und dann liegen wir auch schon trocken und wohlbehalten in unserer Hütte. Natürlich strategisch nur wenige Meter vorm nächsten Supermarkt.


"Unser" Gartenhäuschen haben wir voll unter Beschlag genommen...

Die Griechen sind im selben Ort, doch haben sie noch ein Zimmer bekommen? Denn wie gesagt, die beiden sparen nicht nur Gewicht an den nicht vorhandenen Regenklamotten, sondern mühen sich auch nicht mit Schlafsack oder Isomatte ab… Klar, das spart sicher nochmal 2 Kilo Gewicht, aber jetzt gerade sind wir zumindest sehr froh, unabhängig zu sein und unsere erschöpften Körper sowohl in kuschlige Wollsocken (ein grandioser Kauf!) als auch einen warmen Schlafsack hüllen zu können…



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