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  • Anja Marwitz

Tag 5 Around Norway

Tausche Rennrad gegen heiße Dusche

Als wir pünktlich um 5 Uhr in den Anstieg hineinfahren, sehen wir schon in der ersten Kehre die Griechen hinter uns. Naja, immerhin haben die beiden gute Laune und fetzige Musik. Auf der natürlich noch menschenleeren Straße schrauben wir uns zu viert Kehre um Kehre nach oben. Dabei erfahren wir, dass dieses Rennen quasi der „Junggesellenabschied“ von Evangelos ist. In 3 Wochen wird er heiraten und hoffentlich kriegt seine schwangere Frau dann einen kleinen Evangelos junioros! Witzige Aktion! Wenn dieses Rennen und dieser steile Anstieg die „letzte Freiheit“ und „nochmal einen draufmachen“ bedeuten, dann möchte ich nicht seine Zukünftige kennenlernen ;-)

Über'n Berg! Jetzt nur nicht am Lenker festfrieren und schnell runter von diesem Frost-Fjell!

Oben auf dem Fjell erwartet uns dann fast genauso ungemütliches Wetter wie gestern. Trotz abermals grandioser, mondartiger Landschaft bleibt für Fotos kaum Gelegenheit, wir sind voll und ganz mit Überleben beschäftigt und froh, als wir endlich an der Kreuzung angekommen sind und unsere Klamotten wohlbehalten wiederfinden. Dann nichts wie zum Supermarkt. Doch, oh Schreck, die Griechen kommen uns schon kopfschüttelnd entgegen: „Closed!“ Während sie stoisch weiterkurbeln, verschanzen wir uns erstmal auf der Campingplatztoilette, der alte Trick mit dem heißen Wasser über die Pfoten, und nun kann ich auch endlich meine Überschuhe wieder anziehen. Tolle Erfindung!

Christian überprüft, ob seine eingefrorenen Finger noch dran sind...

Nach einer halben Stunde auf der Toilette und ein paar Daim zum Frühstück ist klar: Es muss auch ohne Kaffee weitergehen. Nach einigen Stunden, in denen die fabelhafte Landschaft von uns eher missachtet vorbeizieht, finden wir uns endlich in einem Örtchen wieder.



Die Griechen sitzen mampfend auf dem Supermarkt-Parkplatz, brrr, viel zu kalt. Also flüchten wir uns in ein schickes Kaffee. Ein belegtes Käsebrot für 8 Euro. Ich bin zu fertig, um mich darüber aufzuregen. Als ich mir das dritte Mal Kaffee (4 Euro!) am Tresen nachschenke, weist mich die Kellnerin freundlich darauf hin, dass es keinen „Free Refill“ gibt. Ups, na sowas. Ich hänge wenig dekorativ in meine Daunenjacke gehüllt in der Ecke, während Christian irgendwelche wahnwitzigen Pläne von wegen 230 km mit 4000 Höhenmetern schmiedet. Das alles zieht irgendwie an mir vorbei, bin eher mit meinem Mini-Brownie für 4,50 Euro beschäftigt, der sowas von gut ist…


Schickes Scandinavian Design meets- ME! Wenigstens farblich zum Wandbehang passend...

Irgendwann schafft Christian es dann doch, mich aus meiner kulinarischen Versenkung zu holen, und treibt mich in den nächsten Anstieg, der sich stundenlang hinzieht, dann abermals nach einer traumhaften Abfahrt endet und uns in „Haukeli“ ausspuckt. Die dortige Supermarktkassiererin hat angesichts unserer hungrigen Blicke Erbarmen und schiebt uns noch eine Pizza in den Ofen, die wir dann auf Colakisten sitzend inhalieren. Währenddessen telefonieren wir ein paar Ferienhütten im „nächsten Dorf“ an. Wo wir denn sind? Haukeli! “Ah, so you are here in one hour!” – “No, we come with bicycle…” “Sykkel? Ohohoh… Ok, I leave the key in the door for you!” Hmm, das hätte uns natürlich schon zu denken geben sollen… Aber was soll man machen, von Griechen weit und breit keine Spur und es ist auch erst 20 Uhr… Also, letzte Etappe und dann unter die heiße Dusche in der reservierten Hütte!

Die Wolkendecke reißt auf!?! NEIN, das letzte bisschen Himmel zieht sich komplett zu über'm Haukeli-Fjell!

Oooohhhh, und wie ich in den kommenden 3 Stunden diese Dusche herbeigesehnt habe! Dieses blöde Haukelifjell, das es nun zu durchqueren gilt, wird wie üblich von einem Hügel am Anfang und am Ende eingerahmt. Für die Autos gibt es eine bequeme Durchtunnelung dieser Hügel. Diese sind hier allerdings für Räder gesperrt und so geht es nochmal zwei saftige Anstiege hinauf. Nur um uns mittendrin von -3 Grad und abermals sturmgepeitschtem Regen über die schmale Straße mitten in einem See hin- und her wehen zu lassen. Stoisch trete ich in die Pedale, immer schön im Rhythmus von Rammstein. Auf der schmalen Straße Serpentinen fahrend von Abgrund zu Abgrund. Christian keuchend in meinem Windschatten. Ich schicke Stoßgebete zum Himmel, jetzt bloß keine Panne! Immer höher zieht sich dieser Pass, bis endlich unten im Tal Lichter auftauchen. Kurze Erleichterung, rasende Abfahrt mit zitternden Gliedern durch die Dunkelheit, zum Glück kann man unsere Beleuchtung sehr gut sehen. Doch dann ein weiterer gesperrter Tunnel. Scheiße, wir sind schon zu weit, müssen im Dunkeln an der Umfahrung vorbeigerast sein… Jetzt gibt es kein Zurück mehr, Umkehren wäre hier viel zu gefährlich. Also drücken wir auf die Tube, rasen Vollgas durch den Tunnel, der zwar beleuchtet, aber stark kurvig ist. Puh, geschafft, nun ab in den rettenden Ort!


"Reise, reise ins Verderben - wir müssen leben, bis wir sterben". Der Text von Rammstein treibt mich durch den eisigen Regen über's Haukeli-Fjell, die heiße Dusche immer vor Augen...

Schnell ist die Hütte gefunden, wie vereinbart steckt der Schlüssel. Pure Erleichterung, Adrenalinschübe, Freude über das Geschaffte – 230 km mit 3900 Höhenmetern. Die beste heiße Dusche der Welt gefolgt von seeligem Schlaf unter einer doppelten Daunendecke. Hallejulja!


So seh'n Sieger aus!

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