Suche
  • Anja Marwitz

Tag 2 Italy Divide

Aktualisiert: 23. Juli 2019

ROMantik sieht anders aus... - 26.4.2019


Hinter der verspiegelten Sonnenbrille strahlen meine müden Augen angesichts von 20% Steigung. Sogar noch fahrbar, auf Asphalt :-) Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Oder steigen...

Wir schlagen uns so weiter durch die Nacht und entdecken auffallend oft Hinweisschilder für Wanderer: "Via Francigena". Das sind Pilgerwege, die nach Rom führen, ähnlich wie der Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Entsprechend sieht der Weg auch aus: 1000 Jahre alt, für Wanderer konzipiert, die auf ihrem Weg die Leiden Christi oder so möglichst real nachempfinden wollen... Und so zuckt es uns nach einer Weile bereits schreckensvoll in den Gliedern, wenn mal wieder ein Schild "Via Francigena" an einer Kreuzung auftaucht und schalten automatisch in den kleinsten Gang...denn eins ist sicher: es geht richtig fies hoch! Loses Geröll, oft nicht mal bergab fahrbar, wechselt sich ab mit 25% Steigungen, mit Dornen überwucherten Trampelpfaden und ähnlichen Hindernissen, die sich zwischen uns und ein ausgiebiges Frühstück in Rom stellen...

Nun geht aber erstmal die Sonne auf, guter Dinge strampeln wir auf das nächste Bergdorf zu, ganz oben ein imposantes Kloster. Eine hübsche Zwischenstation für leidende Pilger auf dem Francigena! Wir passen uns dementsprechend an und verlegen das 1. Frühstück spontan vor, nur noch den kleinen Hügel hinauf... Doch ein ganz übler Knick im GPS-Track führt uns von der herrlichen, astrein geteerten und wenig befahrenen Bergstraße im direkten Weg irrsinnig steil mitten in ein Kakteenfeld. Kakteen? Oh ja, an der staubtrockenen Südseite dieses unsäglichen Hügels wimmelt es vor Dornenbüschen (die Leiden Christi usw.) und imposanten Sukkulenten, die ihre zentimeterlangen Dornen gierig nach meinen nagelneuen Reifen ausstrecken. Hechelnd und fluchend wuchte ich mein Rad die engen Serpentinen hoch, abwechselnd Felsbrocken, Steinstufen und Dornen ausweichend. Während ich aus dem letzten Loch pfeife, bin ich einfach nur froh, dass ich um 6 Uhr morgens und nicht zur sicher glühend heißen Mittagszeit in dieser Hölle feststecke! Situationen, die man nicht ändern kann, sollte man sich eben möglichst schönreden :-)


Morgendämmerung. Wunderbare Straße zum Kloster hoch. Aber gleich geht's rechts hoch ins Kakteenfeld %-)

Irgendwann haben wir es doch nach oben geschafft, ich lasse mich mit letzter Kraft auf einen Stuhl vor der Bar fallen und nicke Christian schwach zu, als er was von Kaffee und Croissant faselt. Eine doppelte Ladung von beidem später, die Lebensgeister kehren langsam in mich zurück. Das beschauliche Örtchen erwacht ebenfalls langsam zum Leben, in der Bar gehen alle ein und aus, kippen schnell einen kleinen Kaffee im Stehen, tauschen den neuesten Plausch („Was machen diese ganzen Irren Ausländer mit ihren Fahrrädern hier oben?“) aus und sind auch schon wieder weg. Vor der Bar hängen wir und wechselnde Mitfahrer mehr oder wenig dekorativ rum und schimpfen über den unglaublich harten Track. Schön in Italien! Und schön geht es auch weiter, ein Bergdorf reiht sich weiter ans nächste, das Schema bleibt gleich: megasteiler Anstieg (zum Glück keine Kakteen mehr), Kaffee/Eis/Chips oben im Ort, geile Abfahrt mit herrlichem Ausblick. Immer, wenn man dachte, „so geht’s eigentlich, Mittagessen in Rom könnte klappen….“, taucht dann ein blödes „Via Francigena“ Schild auf und wir schlagen uns wieder fluchend durch’s Gestrüpp. Einmal wird das ganze Geaste sogar mit einer richtig geilen Abfahrt belohnt, nachdem wir einen Anstieg mit 20% PLUS Geröll PLUS Matsch hochgeschoben haben. Wir sehen uns quasi schon in Rom einrollen, als ein Schild die „Via Appia“ ankündigt.


Kopfgroßes Kopfsteinpflaster, war vielleicht vor 2000 Jahren "in"...

Aus dem Lateinunterricht ist mir in Erinnerung, dass die Römer ihr Imperium auch aufgrund des damals fortschrittlichen Straßennetzes so ausbreiten konnten, und auf der Latein-Kursfahrt in der 11. Klasse war ich beeindruckt von den tiefen Spurrinnen in den 2000 Jahre alten Pflastersteinen. Nun allerdings versuche ich verzweifelt, meine Reifen von diesen Spurrinnen fernzuhalten und frage mich, wie man auf so dilletantisch verlegtem Kopfsteinpflaster irgendetwas gründen konnte, geschweige denn ein Imperium! Zu allem Überfluss fängt es nun auch noch an, kräftig zu regnen, während wir 20km schnurgerade über’s antike Kopfsteinpflaster holpern und der einzige kurze Lichtblick ein Mitfahrer darstellt, der sich hier einen Platten gefahren hat und man sich freuen kann, dass einem der Sch… zumindest erspart bleibt. Sicherheitshalber schicke ich noch ein Stoßgebet Richtung Michelin, den römischen Gott für Reifen. Wenig triumphal stehen wir dann plötzlich vor dem Kolloseum und schieben und zwischen Tausenden von Touristen mit Regenschirmen durch die Massen. Es ist 15 Uhr, 25 Stunden und 305 Kilometer durchgefahren - für ein Nickerchen im Park ist es zu nass, für ein Hotel zu früh, für Mittagessen zu spät, für Eis zu kalt und überhaupt, was wollen die ganzen Leute hier? Für 10 Euro ziehen wir uns eine Packung Chips und Cola unter einem einsamen Baum im Circus Maximus rein, um wenigstens so klar denken zu können, um zu entscheiden, was wir machen. Ergebnis: Regenhose überziehen, aus dieser blöden Stadt raus, so weit wie möglich weiterfahren und dann abends ein Hotel ansteuern. Wir kommen dann bis zum Petersdom, und obwohl wir eigentlich nur noch ein paar Snacks für die Weiterfahrt erstehen wollen, bleibe ich an ein paar Foccacia und Schokokuchen hängen, was zusammen mit und dem Üblichen (Powerade, Snickers…) angesichts der exquisiten Vatikan-Lage stolze 40 Euro kostet…


Papa ante portas.

Nun aber nichts wie raus hier! Doch halt, gestern Nacht habe ich auf einer besonders fiesen Tragepassage mein Rücklicht verloren. Irgendwo muss es hier doch einen Fahrradladen geben? Gerade als Christian sein Handy zückt, um Google zu befragen, fällt mein Blick über die Straße und entdeckt „La Bicicletta“! Ha, es geschehen noch analoge Wunder im digitalen Zeitalter! Trotz triefender Klamotten und matschüberzogener Räder ist das ältere Pärchen vom Bike-Shop begeistert von unserem Rennen, sodass wir wenig später nicht nur mit neuem Rücklicht, sondern auch frisch geölten Ketten und „Bicicletta“-Schlüsselanhängern dastehen. Wer weiß, wofür wir die noch gebrauchen können ;-)


Großer Circus im "Circus Maximus". Das erste Velodrom überhaupt ;-)

Passend zur sich steigernden Stimmung (von Null kann es eigentlich nur bergauf gehen…) reißen nun die Wolken auf und wir landen auf einem perfekt ausgebautem, zweispurigen Radweg, der uns directamente in die Toskana führt! Als wir dann unter riesigen Pinienbäumen in der strahlenden Abendsonne stehen und der Blick über sanfte Hügel und malerische Zypressenalleen schweift, sieht die Welt schon wieder bravissimo aus! Und so genießen wir noch den ein oder anderen Kilometer und die ein oder andere Pizza, bevor wir gegen 22 Uhr nach einem Nachtlager Ausschau halten. Vom Regen ist noch alles durchgeweicht, also probieren wir es bei einem Schild „Sanctuario St. Lucia“ bei einem Kloster abseits des Weges. Der extra Anstieg lohnt sich! Ein herrlicher, überdachter Vorhof mit Picknickbänken schließt sich an die Klostermauern an. Nach insgesamt 38 Stunden ohne Schlaf (okay, unterbrochen von 15 Minuten Power-Napping auf einer Parkbank unter strenger Beobachtung einiger Obdachloser) fallen wir in einen katholisch-seeligen Schlaf. Bis ich mitten in der Nacht aufschrecke und Christian wachrüttel: „Sag mal, da ist doch was?!?“ Woraufhin mich dieser schlaftrunken beruhigt: „Ja, eine Gruppe Italiener…“. Von deren lautem Geschnarche und Gefurze ein paar Meter weiter unter unserem Vordach bin ich tatsächlich trotz Oropax und Schlafdefizit wach geworden! Rücksichtslose Machos, allesamt! ;-)


Mundwinkel und Sonne wieder oben :-)

0 Ansichten

©2019 by wildwildwheels. Proudly created with Wix.com