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  • Anja Marwitz

Tag 15 Silk Road Mountain Race

Finale, oho!

Blick zurück - halb wehmütig, halb erleichtert...

In gespannter Vorfreude packen wir in der Morgendämmerung des letzten Tages routiniert unsere 7 Sachen (2 Schlafsäcke, 2 Isomatten, 2 Biwaksäcke, 1 Tarp :-) zusammen. Als wir am Fluss unsere Wasserflaschen auffüllen, beobachten wir einen einzelnen Viehhirten, der sich bemüht, seine Kuhherde über die wenig vertrauenserweckende Brücke über den reißenden Fluss zu bugsieren. Kurzerhand helfen wir mit beim Treiben, obwohl ich die Skepsis der Viecher gut nachvollziehen kann, habe ich doch inzwischen selber die Nase gestrichen voll von Flussquerungen... Wir fühlen uns nach 2 Wochen schon bestens integriert und schwingen uns nach der kleinen Cowboy-Einlage selbstbewusst in die Sättel, um unseren grandiosen Einzug in die Arena der Silk-Road-Überlebenden anzutreten. Doch vorher gibt es noch zwei kleine Pässe zu überwinden…


Den Weg Richtung Ziel fest im Blick...

Die allgemeine Stimmung tendiert Richtung „nichts kann uns mehr aufhalten“, und so kurbeln wir glücklich durch die wieder mal grandiose Landschaft. Die Packtaschen sind bis auf die letzte Tagesration Snickers leer, die internen Fettpölsterchen angesichts der Anstrengung der letzten 2 Wochen deutlich geschmolzen, sodass wir fast fliegen! Beflügelt von der Aussicht auf das Ziel und ein Kaltgetränk vernichten wir einen Höhenmeter nach dem anderen. Mühelos ziehen wir an David vorbei, der uns irgendwann um 3 Uhr heute früh überholt haben muss und sich unaufhaltsam wie ein zäher Lavastrom Richtung Ziel schiebt. Selbst eine bei jedem Schlagloch (und das sind nicht wenige…) abspringende Kette kann ihn nicht aufhalten. Auch bei meinem Rad machen sich langsam Ausfallerscheinungen bemerkbar. Bei meiner Flussdurchquerung durch 1 Meter tiefes, reißendes Wasser muss wohl etwas in die Vorderradnabe gekommen sein. Diese knackt nun so laut, dass ich mich schon die letzten Kilometer ins Ziel joggen sehe. Ein weiteres Mal bin ich froh darüber, nicht mit Klickpedalen sondern mit Joggingschuhen zu fahren - nur für den Fall! Aber eins ist klar: aufhalten kann uns jetzt nichts mehr!



So genießen wir siegessicher eine wunderbare Abfahrt, nur von ein paar laut kläffenden Hunden gestört, die natürlich immer in letzter Sekunde aufspringen, gewillt, sich todesmutig zwischen mein Vorderrad und das runtergekommene Haus zu werfen, an dem wir vorbeiflitzen.


Ab jetzt nur noch ins Ziel rollen!

Den letzten Gipfel zelebrieren wir dann standesgemäß mit, wie könnte es anders sein, Snickers, und kommen immer mehr in Feierlaune. Die letzte Abfahrt in die dichter besiedelte „Tiefebene“ dauert ewig, stundenlang rollen wir auf guten Schotterwegen Richtung Ziel. Dann queren wir eine Autobahn (natürlich AUF der Autobahn) und haben nochmal 30 km Asphalt vor uns. Aber nicht, ohne nochmal eine Tüte Chips, Eis, Cola und eine Flamingo-Badeinsel am Straßenrand zu erstehen.


Eeeendlich wieder Zivilisation! Ich weiß gar nicht, wie ich so lang ohne Flamingo auskommen konnte...

Auf den letzten Kilometern meldet sich wieder mein Hinterreifen, der langsam aber sicher Luft verliert…egal, im Stehen fahre ich weiter, notfalls gibt es neue Laufräder vorne UND hinten (die Vorderradnabe ist ja eh im Eimer…).

Die Kinder in den Dörfern haben wohl etwas vom Rennen spitz gekriegt und feuern uns fleißig an. Und endlich biegen wir auf einen Innenhof ab – das Ziel, das wir seit 1767,64 km (und 27.349 Höhenmetern...) verfolgen! Gerade haben sich alle Teilnehmer zum Gruppenfoto aufgestellt. Wir lassen die Räder ins Gras fallen und flitzen ins Bild. Gratulation von allen Seiten. Christian kriegt seinen letzten Stempel, seine Renn-Karte ist voll! Schnell hat er ein großes, kaltes Bier in der Hand. Die Kinder führen ein paar traditionelle und moderne Tänze auf, der Bürgermeister und der Renn-Direktor halten eine Ansprache, dann wird das Buffet geplündert!


Das Rennen geht am Buffet weiter!

Wie sehr habe ich von leckerem Essen geträumt, jetzt kriege ich kaum etwas runter, nur Wassermelone scheint meinem Magen total gefehlt zu haben. Christian hingegen ist schnell beim dritten Bier, und während wir mit den anderen über die Strapazen des Rennens philosophieren, Leidensgeschichten austauschen und uns gegenseitig für unsere Härte bewundern, wird der Wodka rausgeholt. Es ist schon dunkel und die Party im vollen Gange, als schließlich David als letzter Finisher eintrifft! Auch er wird gebührend gefeiert, wir tanzen, trinken und plaudern, doch die Anstrengung steht allen mehr oder weniger ins Gesicht geschrieben. Der Sieger ist leider schon abgereist, er war bereits vor 6 Tagen im Ziel eingetroffen. Doch dafür haben sich die meisten der Teilnehmer, die irgendwann im Rennen ausgeschieden sind, es sich nicht nehmen lassen, zur Finisher-Party zu kommen! Insgesamt haben nur 24 der 94 Starter letztlich regelkonform das Ziel erreicht. Christian gehört leider nicht dazu, denn wir sind als Paar gestartet, und hätten auch als Paar die ganze Strecke gemeinsam fahren müssen. Da ich 3 Tage aussetzen musste, sind wir nicht in der offiziellen Wertung. Doch das ist jetzt alles nicht mehr so wichtig. Wir haben ein riesiges Abenteuer erlebt. Wir sind über alle unsere Grenzen hinausgegangen. Kälte, Hitze, Höhe, Sturm, Schnee, Hagel, Regen, Dunkelheit, Einsamkeit und ganz viele Waschbrettstraßen überlebt. Das war viel mehr als ein Fahrradrennen. Eine Prüfung, was machbar ist. Und eine tiefe Reise zu uns selbst.

In der Nacht (wir sind im Wohnzimmer der Nachbarn auf ein paar Matratzen untergekommen) weckt mich Christian mal wieder mit einem Stöhnen. Der Wodka war wohl schlecht… Im Schein der Stirnlampe nimmt er es mit dem Haus-Esel auf, welcher das im Hof gelegene Plumps-Klo bewacht. Und so geht auch die letzte Prüfung positiv für Christian aus!


So ein Abenteuer schweißt zusammen!

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