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  • Anja Marwitz

Tag 14 Silk Road Mountain Race

Kein Pass wie der Shamsi-Pass


Der winzige Christian im Anstieg macht einem die Dimensionen dieses größtenteils unfahrbaren Passes bewusst...

Als wir mal wieder um 4 Uhr morgens die Räder beladen, erwartet mich eine böse Überraschung. Mein treues Rad Big Apple hat einen Plattfuß! Die erste Panne des Rennens. Zum Glück sind wir im geschützen Schuppen des Hotels. In Nullkommanix hat Christian die Situation im Griff und wir sind startklar. Ich bin so dankbar, dass er für mich da ist! Gerade jetzt, wo wir beide ganz schön angespannt sind, denn heute soll es über den berüchtigten Shamsi-Pass gehen. Bei unserem kurzen Aufenthalt im W-Lan Bereich des Hotels haben wir jede Menge Flüche und Horrorstorys über diesen Pass gehört, der nicht viel mehr als eine ausgetretene Pferdespur sein soll…


Alles, was wir uns in unserer Phantasie über diese letzte Härteprüfung in unsere Wachträumen vorgestellt haben, ist wahr...

Voller Spannung und Ehrfurcht nähern wir uns dem Anstieg. Dabei treffen wir einen Mitfahrer, den wir ewig nicht gesehen hatten, nämlich den Engländer, der wegen wundem Sitzfleisch tagelang im Stehen gefahren war! Unglaublich, was für ein zäher Bursche, er hat sich tatsächlich durchgekämpft! Ein paar Sätze, dann ist wieder jeder mit sich selbst beschäftigt. Angesichts dieser extremen Leistungen ist es einfach zu viel Anstrengung, Höflichkeiten auszutauschen, jeder hat nur noch den Fokus auf’s Ziel!

In der Morgensonne leuchtet die Gebirgskette, die es nun zu überqueren gilt. Sieht doch gar nicht so schlimm aus! Kein Schnee, sondern grasbedeckte grüne Hügel. Ich kaue mich gut gelaunt seit 2 Stunden durch meine wohlgehütete letzte Packung Mentos Kaubonbons und frage mich, was die eigentlich alle mit diesem ollen Shamsi-Pass haben?!



Doch nach einer kleinen Flussquerung hört der Spaß dann abrupt auf. Unendlich steil, unendlich schmal schlängeln sind ein paar Trampelpfade quasi direkt in den Himmel. Apple und ich krallen uns aneinander fest und wuchten uns irgendwie durch scharfkantige Felsen. Dort sitzt schon David und sammelt seine Kräfte. Wir fluchen und essen zum Trost zusammen M&Ms. Dann ziehen wir vorbei, unsere Räder sind viel leichter und das Tragen/Schieben/Zerren funktioniert dementsprechend besser.

Dieser verdammte Pass nimmt überhaupt kein Ende. Das größte Problem ist eigentlich, dass die Pferde, die diesen Pfad „angelegt“ haben, leider nur „einspurig“ sind. Also kann nur entweder mein treues Stahlross Apple oder ich den Pfad benutzen. Was bedeutet, dass entweder ich den Steilhang entlangstolpere und irgendwie versuche, trotz des unwegsamen, losen Untergrundes das Rad den steilen Weg vorwärts zu manövrieren. Oder ich laufe auf dem Pfad, während die Reifen ständig an losen Steinen und Felsbrocken hängenblieben, abrutschen, feststecken usw. Schließlich wuchte ich fluchend mein Rad auf den Rücken und stapfe vornübergebeugt wie eine 90-Jährige 2 Stunden lang mit 22 Kilo auf dem Buckel die letzten 500 Höhenmeter hoch. Meine Füße fest im Blick, während die friedlich grasenden Pferde verwundert ihre Köpfe heben (und wahrscheinlich verständnislos schütteln…).


Zum Glück muss ich keines der Pferde über den Pass tragen...

Doch nach dieser übermenschlichen Anstrengung (die Höhe von 3600 Metern juckt uns inzwischen eigentlich kaum noch…) ist die Begeisterung groß, als wir endlich die kleine Senke im Gebirgszug erreichen, welche den Pass markiert. Nun haben wir es ja wohl so gut wie geschafft!


Nichts kann uns noch aufhalten! Dachten wir zumindest zu dem Zeitpunkt...

Auf einmal fühl ich mich ganz leicht :-)

Doch Pustekuchen, der Spaß geht erst richtig los. Durch tiefes, loses Geröll kämpfen wir uns ins Tal, während ich mich am Lenker festklammer, die Bremsen auf Anschlag halte und wie ein Skifahrer durch die Kurven schlitter. Christian ist viel mutiger und kommt wesentlich schneller voran, doch ich will um jeden Preis vermeiden, mitten im Nirgendwo einen Sturz zu riskieren.


Christian verliert sich in der nimmer endenen Abfahrt. Die Fahrbarkeit ist nur kurz für's Foto vorgetäuscht, das Meiste schieben wir :-O

Auf dem Weg ins Tal zieht sich dieser blöde (okay, die Landschaft ist eigentlich wunderschön – wieder einmal frage ich mich, warum ich eigentlich nicht auf einem Pferd sitze?), also zieht sich dieser faszinierende Pass noch mehr. Die Sonne nähert sich bereits unaufhörlich den Gipfeln, während wir mal wieder Socken und Schuhe ausziehen, um durch einen eisigen Fluss zu tragen und später noch trockene, also warme, Füße zu haben… Geschlagene fünf Mal geht das so auf der Abfahrt! Von den vielen Flußdurchquerungen, die wir einfach irgendwie durchfahren, ganz zu schweigen! Doch wo es keine Furt gibt, ist das Risiko eines Sturzes zu groß. Christian muss mich immer wieder aufbauen, also ich beim Anblick der nächsten Flussdurchquerung in Tränen ausbreche.


Sieht idyllisch aus. Jedoch: Eisfüße treffen spitze Felsen treffen Dornengras.

Drei nervöse Zusammenbrüche später, die Sonne ist längst untergegangen, erreichen wir endlich wieder etwas wegsameres Gelände. Ein paar Häuser tauchen auf. Der Fluss ist hier mittlerweile so weit angewachsen, dass wir sicher sein können, NICHT noch einmal hindurch zu müssen J Irgendwo im Gestrüp nahe eines Dorfes finden wir eine gerade Stelle, um unser Nachtlager aufzuschlagen. Ich will gerade unsere wohlverdiente Portion Instand-Noodles kochen, als mir auffällt, dass Christian das Feuerzeug verloren hat! Während ich grade meinen vierten Nervenzusammenbruch vorbereite, flitzt Christian schon den sich nähernden Auto-Scheinwerfern entgegen. Und tatsächlich! Großzügig überlässt uns der Fahrer des einzigen Autos, dass hier in den letzten und nächsten Stunden vorbeikommt, sein Feuerzeug! Ich bin mit allem versöhnt und wir lassen uns die letzten China-Nudeln der Reise munden. Nur noch 80 km trennen uns vom Ziel, und wenn nicht alle Stricke reißen, sollte dies im Laufe des nächsten Tages bis Mitternacht, der offiziellen Schlusszeit des Rennens, noch irgendwie aus unseren geschundenen Knochen herauszukitzeln sein!

Technik ist nicht gleich Fortschritt...

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