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  • Anja Marwitz

Tag 13 Silk Road Mountain Race

Weck mich auf, wenn die Sonne gegen die Nacht gewonnen hat...

Wegen der frühen Nachtruhe am Vortag, klingelt am nächsten Morgen der Wecker bereits um 4 Uhr. Als wir bibbernd auf den Rädern sitzen, Hände und Füße in Plastiktüten eingehüllt, zeigt das Thermometer noch -12! Zum Glück geht es erstmal bergauf, doch schon nach ein paar Minuten spüre ich meine Glieder nicht mehr. Schalten, Bremsen, Trinken – alles unmöglich. Mich durchdringt eine neue Definition von Kälte.


Die Einheimischen bewundern meinen eleganten Fahrstil. Ich bewunder deren stoische Ruhe.

Ich denke eine gefühlte Ewigkeit in sich wiederholenden Schleifen: Einfach nur weiter treten, gleich wird dir warm, bald geht die Sonne auf, schon wieder ein Grad wärmer, nur noch einstellige Minusgrade, ich kann schon den Silberstreifen der Sonne am Horizont erkennen usw. Gibt es eigentlich auch das Gegenteil von Fieber? Das Gehirn unterkühlt, und man bekommt Wahnvorstellungen?

Irgendwann taut dann tatsächlich der erste Sonnenstrahl ein wenig unsere Glieder auf. Nach 2 Stunden Fahren sind wir endlich in der Lage, anzuhalten und einen Riegel reinzuschieben. Da taucht David auf. Wir schimpfen zusammen über die Kälte und er schildert anschaulich, dass er kaum in seine eingefrorenen Schuhe hereinkam. Unglaublich, er hat natürlich in den letzten beiden Nächten NICHT wie wir halbwegs indoor geschlafen, sitzt dafür meist schon um 3 Uhr auf dem Rad, und schafft es dadurch wacker, seine lantern rouge, das Schlusslicht, zu verteidigen. Da er nicht der Flotteste ist, haben wir ihn bisher noch jeden Tag überholt. Mit Schlafentzug kann man es weit bringen!

Als wir uns in eine herrliche Abfahrt stürzen, hat die Sonne zum Glück schon ihre Kraft wieder. Immer näher kommen wir der Zivilisation. Auf den Feldern hier im fruchtbaren Tal wird Heu geerntet. Selbstverständlich per Hand mit der Sense. Im Winter werden die Tiere der Nomaden hier runter getrieben und überwintern in baufälligen Ställen. Was für ein hartes Leben! Dennoch wirken die Menschen oft glücklich und stolz. Vielleicht haben wir reichen, verwöhnten Westler schon zu sehr den Bezug zu dem verloren, was wirklich wichtig ist. Uns von uns selbst und unseren Wurzeln entfernt. Hier in Kirgistan sieht man jedenfalls deutlich das Ergebnis seiner harten Arbeit. Man ist eng verbunden mit der Natur. Und Stress – naja, wenn man nicht gerade das Silk Road Mountain Race fährt, ebenfalls Fehlanzeige ;-) Und dennoch bin ich froh für die wertvollen Erfahrungen und die Demut, die ich hier lerne. Und natürlich die „Kyrgyz Cola“, die wir im 1. Shop nach 3 Tagen erstehen und mit der wir die Tüte Chips runterspülen. Die moderne westliche Welt hat eben doch ihre Vorzüge!

Mal wieder geht es endlose Waschbrettstraßen entlang, bis wir schließlich an einer gut geteerten Verbindungsstraße ausgespuckt werden. Bei einer „Raststätte“ stürzen wir uns auf ein paar Kartoffeltaschen, die schön in der Mikrowelle erhitzt werden, was mir ausnahmsweise im Hinblick auf schlechte Erfahrungen mit den Keimen hier ganz gut gefällt.

Ein holländisches Pärchen spricht uns währenddessen auf unsere Räder und unsere Verwahrlosung an und ist völlig aus dem Häuschen, als wir unser Schicksal darlegen. Als wir wenig später die „Autobahn“ entlangflitzen, überholen sie uns begeistert hupend. Das baut auf! Den wie wir aus den Berichten der ersten Starter im Ziel wissen, kommt die größte Herausforderung erst noch!

So rollen wir in der letzten Stadt vorm berüchtigten „Shamsi-Pass“ ein und finden ein schönes Hotel. Ich dusche so lange so heiß, dass ich noch Wochen später eine leichte Verbrennung am Oberschenkel haben werde. Auch die Fahrradhose kriegt nochmal eine Grobreinigung, schließlich will man auf den Zielfotos passabel aussehen ;-) Wie neugeboren schlendern wir auf die andere Seite der Hauptstraße und geben uns mit gesunder Skepsis unserem Schicksal in Form eines Fast-Food-Ladens hin. Diesmal wird das Vertrauen belohnt und nach Pommes und sowas ähnlichem wie Panini (schön lange heiß gemacht, man weiß ja nie…) gehen wir noch fröhlich das letzte Mal unsere Vorräte auffüllen. Die Augen des Shopbesitzers leuchten glücklich, als ich 10 Snickers und 5 M&Ms sowie meine neueste Entdeckung, Trinkpulver mit Colageschmack (für echte Notfälle!) auf der Theke türme. Nun brauchen wir nur noch einen Handy Lade-Adapter für Christian. Nachdem er seinen am Checkpoint 3 bei seiner nächtlichen Toilettenaktion verloren hatte, musste ich mich tatsächlich gelegentlich mit ihm unterhalten! Denn nachdem das Handy leergezogen war, konnte er keine Hörspiele mehr hören, während ich mich eigentlich fröhlich in die Tiefen des amerikanischen Gangster-Raps hinab begeben wollte, um meine Aggressionen in Pedal-Energie umzuwandeln. Doch zum Glück liegt der einzige Handy-Shop der ganzen Route direkt gegenüber vom Hotel. Keine zwei Minuten später und 50 Cent ärmer hat Christian den Adapter für das allerneueste Handy erstanden und könnte kaum glücklicher sein, wenn wir den Shamsi-Pass schon hinter uns hätten :-)

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