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  • Anja Marwitz

Tag 1 Italy Divide

Aktualisiert: 11. Juni 2019

Schlaflos im Sattel - 25. April 2019


Sunglasses, beautiful sunglasses!

Bevor es endlich losgehen kann und sich die übliche Anspannung mit den ersten Tritten in die Pedale endlich legt, heißt es erstmal: Geduld. Denn als wir am "Check-In" für das Rennen eintreffen, ist bereits die halbe Straße versperrt mit 150 voll beladenen Mitfahrern, die alle ihre Startunterlagen abholen und ihre Bike-Boxen und Rucksäcke für den Transport ins Ziel abgeben wollen. Einen waschechten Italiener wie Giacomo bringt das natürlich nicht aus der Ruhe. Eine halbe Stunde nach der angekündigten Uhrzeit macht er sich ganz alleine daran, die Leute abzufertigen. Jeder muss 200 Euro als Pfand für das GPS Gerät abgeben. Und so kommen schnell Gedanken an die süditalienische Mafia auf, als der Gute Schein für Schein abzählt und dafür dann (hoffentlich den richtigen) GPS-Tracker und einen Starterbeutel mit Käppi und Trinkflasche ausgibt. Zwei Stunden später, zum Glück konnte ich um die Ecke ein paar Cappucini und Teilchen auftreiben, sind wir endlich soweit. Doch, oh Schreck, jemand hat aus Versehen Anke's GPS eingesackt! Sie soll in einer Stunde wiederkommen... Während wir an unserer obligatorischen Pizza kauen, ist Anke schon kurz davor, das Handtuch zu werfen, ihre eigene Route zu fahren, sich an die Mafia zu wenden oder Italien allgemein und verpeilte Italiener speziell mit schwäbischer Ignoranz zu strafen. Doch als dann endlich alles geklärt ist, stehen wir frisch mit 50er Sonnencreme auf der Haut und Tiramisu im Bauch doch ganz gutgelaunt an der Startlinie. Naja, Linie - besser, im Start-Gewühl.


VORHER - Fit, frisch, ready to race!

Unsere kleine Versammlung von 150 vor Energie und Aufregung strotzender Radfahrer trägt nämlich nicht gerade zur Entspannung der allgemeinen neapolitanischen Hektik bei. Es ist Nationalfeiertag, der 25. April, und die Uferpromade ist jetzt um 14 Uhr gut gefüllt. Egal, irgendein Polizei-Fiat fährt los, wir hinterher. Nach links und rechts wild gestikulierend, wenn sich jemand versucht, zwischen die Räder zu drängen. Eine halbe Stunde geht das so, "Stop!" "Grazie!" "Oggio!" (Pass auf!) rufend kämpfen wir uns aus der Stadt raus, immer darauf bedacht, den Anschluss zu halten, denn durch die Masse ist man natürlich sicherer. Dann wird das Rennen "scharf" gemacht und schnell ist die erste Gruppe vorneweg davongeflogen. Wir dagegen fühlen uns auch so scharf genug (All' Arrabiata) und kurbeln frühlich in einer 10er Gruppe vor uns hin. Hauptsächlich über Straßen, wobei mir der Verkehr immer noch nicht so geheuer ist. Nach 35km dann der Schock: Wir kommen an einem Krankenwagen vorbei, in den gerade ein Mitfahrer verladen wird, sein Rad liegt noch am Straßenrand, ein Auto daneben hat eine geborstene Winschutzscheibe.... Verdammt! Da es hier nichts mehr zu helfen gibt, fahren wir langsam und mit beklommenen Gefühl weiter. Später erfahren wir, dass der Fahrer ganz rechts wohl einem parkenden Auto ausgewichen war. Die beiden Fahrer daneben waren so gezwungen, nach links auszuweichen. Dabei geriet der linke Fahrer auf die Gegenfahrbahn und wurde von einem entgegenkommenden Auto erfasst. Mehrere gebrochene Rippen und ein Lungenriss sind die Folge. Am Abend davor habe ich mit Markus noch Pizza gemampft und fröhlich Pläne für die Radsaison ausgetauscht, er gehört zu einem der erfahrensten Fahrer und hat mich auf den ersten Kilometern so sicher durch die Stadt geleitet, dass ich mich wie in Abrahams Schoß gefühlt habe - und nun das! Der Schock sitzt tief, und an dieser Stelle wünsche ich nochmal baldige Genesung!

Vorsichtig tasten wir uns weiter, auf schnellen Straßen, Schotterwegen, und kommen unserem ersten inneren Etappenziel Rom in atemberaubendem Tempo näher! Ein effektiver Stopp für die allabendliche Pizza, dann geht es in die Nacht hinein. Wir haben Glück und treffen einige der Kirgistan-Fahrer wieder, mit ein paar anderen bilden wir eine schöne Gruppe aus 8 Mann, was uns sicherer und schneller über die Straßen gleiten lässt. Die Stimmung in der milden italienischen Nacht ist bestens, bis wir urplötzlich scharf in einen Anstieg abbiegen. Die Schaltungen krachen, während jeder schnell in den kleinsten Gang zu kommen versucht, doch auch dies hilft nicht lange... Fluchend steigen wir von den Rädern und wuchten diese einen immer schmaler werdenden Trampelpfad mit 25% Steigung hinauf. Bald darauf müssen wir die Räder tragen, über bröckelige Felsstufen, durch Dornengebüsch, entlang eines steilen, schwarzen Abgrundes, der sich in Form von schwarzer Leere neben uns abzeichnet. Wie eine Karawane schwitzender Grubenarbeiter schlängeln wir uns mit unseren Stirnlampen den Abhang entlang, kopfschüttelnd, stolpernd und fluchend. Plötzlich verschwindet mit einem erstickten Schrei der Fahrer vor Christian im Abgrund. Dieser wirft sein Rad zur Seite, schnappt sich das Hinterrad vom Vordermann. Krampfhaft den Lenker umklammernd kann so der Fahrer, mit 1,90 Meter und 100 Kilo keine leichte Aufgabe, wieder irgendwie auf die Beine kommen und auf den Weg zurückgehievt werden. Zum Glück wurde er von einem der vielen Dornenbüsche gebremst, denn auch im Dunkeln lässt sich deutlich ausmachen, dass man eine tiefere Ergründung des steilen Abhanges möglichst vermeiden sollte. So bewegen wir uns in noch schneckenhafterem Tempo weiter über wegrutschendes Geröll, und mehrmals denke ich, dass ich nun aber so absolut gar nicht mehr weiter könnte. Zu allem Überfluss muss ich mein vollbeladenes Rad Apple auch noch mit Links tragen, um wenigstens nicht von ihm in die Tiefe gerissen zu werden, sollte auch ich stolpern. Nach gefühlt einer Stunde Plackerei stehen wir auf einem Hof. Erleichtert fülle ich meine Trinkflaschen an einem Wasserschlauch auf, während Christian Erdbeeren entdeckt hat und an alle verteilt. So gestärkt geht es weiter durch die Nacht. Irgendwann fahren wir der Gruppe davon, schlagen uns Stunde um Stunde weiter, mal auf schnurgeraden Radwegen, mal auf endlosen, gerölligen Abhängen, mal auf irrsinnig steilem Kopfsteinpflaster durch irgendwelche rustikalen Bergdörfer. Links und rechts sehen wir immer wieder Räder im Gebüsch, die meisten haben sich inzwischen zur Ruhe gelegt, doch wir fühlen uns noch fit. Die Nacht ist angenehm, der Himmel sternenklar, und so lassen wir uns vom Renn-Adrenalin weitertragen. Roma, wir kommen!


NACHHER: Zur Warnung an alle, die mal eine Nacht durchfahren wollen %-)

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