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  • Anja Marwitz

Tag 1 Around Norway

Ein Mitsommernachtstraum

Nachdem wir unseren Wohnwagen Natascha ganz oben an der Osloer Skischanze, dem Holmenkollen, geparkt haben, geht es erstmal 400 Höhenmeter runter – perfekt zum Einrollen! Wie wir hier am Ende wieder hochkommen sollen, da können wir uns dann nach dem Zieleinlauf noch Gedanken drüber machen…



Nun versammeln sich nach und nach ein Dutzend voll ausstaffierter Fahrer nebst Rennradhobeln im Café Peloton. Natürlich dürfen Bikes hier mit in die Bar, und so haben wir ratzfatz eine herrliche Bikepacking-Ausstellung. Während der Organisator Michi die Räder und Formalitäten checkt (Schönwetter-Garantie wird ausgeschlossen…), mampfen wir Pizza zum Frühstück und fachsimpeln, was das Zeug hält.

Eigentlich dachte ich, dass mein Rad The Knife schon leicht bepackt wäre (da ich Christian meinen Schlafsack aufgeschwatzt habe…), aber auch die anderen sind hochprofessionell und leicht unterwegs. Allerdings hat nur ein anderer Fahrer auch ein Zelt dabei, die anderen planen eher mit Hotels/Campinghütten und schleppen allenfalls ein Notfall-Biwi (wetterfeste Hülle um den Schlafsack) mit sich. Einige haben gar nichts zum Pennen dabei, zu den Folgen später mehr…

Die Sonne strahlt, und so rollen wir irgendwann satt, fröhlich und voller Energie zum Start am Osloer Rathaus. Kleine Ansprache: „Enjoy the race and remember: there will be Downs, but after that there will be Ups again!“ Na wunderbar, dann kann ja gar nichts mehr schiefgehen! Auf Los geht’s Los, und natürlich geht nach 5 Minuten bereits doch etwas schief. Ein verdächtiges Zischen, und Christians Vorderreifen ist platt. Fluchen und mitleidige Blicke von Hunderten Radfahrern auf dem Promenaden-Radweg der Hauptstadt. Wir überlegen kurz, auf einen der E-Scooter umzusatteln, die man hier überall einfach nehmen kann, doch spätestens nach dem ersten Anstieg würde es wohl Batterieprobleme geben. Also schnell geflickt, um dann die Aufholjagd zu starten.

Wir sind noch nicht ganz aus dem Stadtgebiet raus, da sitzt ein Mitfahrer völlig resigniert auf einer kleinen Wiese, das Rad achtlos an eine Leitplanke gelehnt. „What’s wrong?“ „My Gears don’t work!“ Der Gute versucht gerade, mit Hilfe von YouTube-Videos eine Fehleranalyse und mögliche Hilfe bei seiner elektronischen Schaltung zu bekommen, denn es ist inzwischen Samstag später Nachmittag und vor Montag früh mit keiner offenen Werkstatt zu rechnen. Kurze Analyse von Ingenieur Christian: „Now switch up your gear!“ Ein gezielter Fingerdruck, ein wohlklingendes Klick, und viola! Funzt! Kommentar unseres dänischen Mitfahrers: “You have magic fingers!” Das kann ich nur bestätigen…

Eine gute Tat am Tag ist für Christian als Pfandfinder natürlich selbstversändlich, und alle rollen zufrieden weiter durch die immer schöner werdende Landschaft: sanfte Hügel, unendliche Wälder, unzählige Seen, die Sonne glitzert im Wasser und wir kommen bestens voran. Ich fühle mich in die Kulisse meiner heißgeliebten Inga Lindström Schnulz-Filme reinversetzt. Jetzt fehlt nur noch, dass mich ein plötzlich auftauchender Arzt/Anwalt/Architekt in die nächste Stabkirche entführt und ich in eins dieser herrlichen Holzhäuschen am See einheiraten kann…

Während ich so meinen Tagträumen nachhänge, treffen wir unseren französischen Mitfahrer Adrien und schwärmen gegenseitig von der Strecke. Er plant, jede Nacht zu campen und wirkt sehr zielstrebig und entschlossen. Als es dann jedoch in den Anstieg zum ersten richtigen Berg, den Gaustatoppen hineingeht, bleibt er bald zurück und stellt sein Zelt dann irgendwo im Anstieg auf.

Gar nicht die schlechteste Idee, denn als jetzt allmählich (um 23 Uhr!) die Sonne untergeht, frischt ein Lüftchen auf und entwickelt sich mit jedem Höhenmeter, den wir uns erkämpfen, allmählich zum ausgewachsenen Sturm. Auf dem völlig ausgesetzten Gipfelplateau klammer ich mich mit tief eingezogem Kopf an Knife fest und ziehe stoische Serpentinen von einer zur anderen Straßenseite, während Christian versucht, in meinem Windschatten zu bleiben. Es reißt uns fast von den Rädern, doch kurz nach Mitternacht stehen wir oben auf dem Gipfel! Wie aus einer anderen Welt! Doch zum Genießen der Atmosphäre mit Mitternachtssonne und sturmgepeitschter Mondlandschaft bleibt keine Zeit, schnell in die warmen Klamotten geworfen und ABFAHRT!

Geil, ich bin voller Adrenalin und baller im Schein meiner Lampe in die Haarnadelkurven rein, dass es kein Halten gibt und Christian kaum mitkommt. Mit den Aero-Laufrädern und ohne Lenkertaschen beschleunigt Knife natürlich wie ein Formel1-Wagen. Im Stockfinstern rauschen wir dann auch an unserem dänischen Freund vorbei, der sich überrascht umschaut. Yeeaaahaaa!

Atemlos rollen wir ins Tal ein und finden bald einen schönen Stadtpark mit perfektem Rasen für unser neues High-End-Zelt. Um 2:30 Uhr liegen wir dann eng aneinandergekuschelt (das High-End bezieht sich nicht auf die Geräumigkeit…) in der Horizontalen und verfallen in einen tiefen und gerechten Schlaf. Bis sich nachts um 4 Uhr eine Horde Jugendlicher in den Park verirrt und ein paar norwegische Hits gröhlend zum Besten gibt. Dann vielleicht doch lieber Mücken am See?

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