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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 9

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen



Ein Tag Erholungspause für mich, und ich plane mein Comeback :-)

Während Christian da draußen nun alleine sein Rennen macht, schreibe ich traurig und entkräftet eine Nachricht an den Veranstalter, lege mich wieder ins Bett und schlafe bis mittags. Dann klopft Carlos, einer der Hamburger Jungs vom 1. Tag, an die Tür. Ich hatte deren Räder im Eingang stehen sehen und eine Notiz drangeheftet, damit man sich später mal kurzschließen kann, schließlich muss ich jetzt sehen, wo ich bleibe. Die beiden sind schon am Checkpoint 1 am Ende gewesen, wo seinen Mitfahrer ein mysteriöser Virus erwischt hat. Von da aus sind sie auf der Hauptstraße hierhergefahren und haben sich dann auch mit dem „Großstadt-Magen-Infekt“ angesteckt, ebenfalls mit „Shawarma“ einen Tag vor mir (leider kam die Warnung für mich zu spät)… Die beiden und zwei weitere Jungs wollen abends Richtung Tosor Pass aufbrechen und damit eine Abkürzung zum Checkpoint 3 fahren, doch so richtig sehe ich mich heute noch nicht auf 3000 Meter hochfahren und ohne Tarp und Licht (mit Christian mitgefahren) campieren.

Ich schlendere also erstmal Richtung „Tourist Info“. Dort treffe ich ein nettes französisches Pärchen auf Weltreise mit dem Rad. Die beiden haben für den Tosor Pass eine ganze Woche gebraucht! Soll wohl recht anspruchsvoll sein, und ich beschließe, noch eine Nacht im Hotel zu bleiben. Wir trinken ganz viel schwarzen Tee mit ganz viel Zucker, und meinem Magen geht es schon viel besser. Zwischendurch kommen ein paar (ehemalige) Mitfahrer vorbei, Infos werden weitergegeben, und so finde ich heraus, dass ein paar andere mit dem Taxi zum Checkpoint weiterfahren wollen. Das klingt gut!

Doch erstmal genieße ich noch, ohne irgendwelchen Zeitdruck, frisch geduscht und bei 20 Grad und Sonnenschein auf einer Terrasse zu sitzen und Geschichten mit den Franzosen auszutauschen. Mir wird jetzt richtig bewusst, in was für einer Parallelwelt ich die ganze Zeit unterwegs war. Wir quatschen über alternative Lebensentwürfe, Radfahren in Indien, Radfahren mit 50 kg schweren Rädern und Radfahren in Frankreich. Ach ja, und Radfahren als alternativen Lebensentwurf ;-)

Trotz der Enttäuschung, nicht mehr offiziell im Rennen zu sein, geht es mir wieder besser und gut gelaunt laufe ich schließlich zum anderen Hotel rüber, wo sich Ben, Franziska und Greg eingemietet haben. Dort werde ich freundlich aufgenommen, doch die Atmosphäre ist relativ antriebslos. Alle sind irgendwie „finished“ und mental voll aus dem Rennmodus raus, reden nur noch von „Bier, Chillen und übersichtlichen Radtouren ohne Gepäck (bis zur nächsten Bar)“. Alle hängen an ihren Handys und lesen/schreiben Updates auf Instagram, Facebook usw. Irgendwie zieht mich das runter.

Auf dem GPS-Board sehe ich Christian im Wahnsinns-Tempo allein über die Landkarte fegen. Ich will auch! Ich bin hierhergekommen, um Rad zu fahren! Das Rennen ist der Hammer, ja, unendlich hart, aber auch hammergeil! Franziska zeigt ein Live-Video auf Instagram vom Sieger des Rennens, wie er völlig fertig über die Ziellinie rollt, nur noch an eine Wand sinkt und sich die Schuhe von den Füßen schält. Die Carbonsohlen der fast neuen Schuhe haben Löcher vom vielen Schieben und Tragen. Die Füße aufgedunsen und wundgescheuert. Im ersten Kommentar vom Sieger Jay Petervary: „This is the hardest Race I’ve ever done … Carrying my bike over Shamsi pass for 8 hours.“

WOW!? Alle Anwesenden sagen, dass sie das niemals machen würden. Nein, alles schön und gut, aber DAS? In mir regt sich eine Stimme: „Geil, ich will auch!“ Innerlich beschließe ich schon, sobald wie möglich wieder zu fahren, halte mich aber noch mit Aussagen zurück, denn wer weiß, wie schnell mein Körper wirklich wieder bereit ist, sich diesem Abenteuer zu stellen. Ich organisiere uns ein Taxi für uns und unsere 4 Räder für den nächsten Morgen ans Ufer des Issy-Kul Sees, wo auch der nächste Checkpoint liegt. Wenn alles läuft wie geplant, kommt Christian dort morgen Abend an. Und dann mal weiterschauen…

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