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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 8

Fluch und Segen der Zivilisation


Die Nacht im “Ziegenstall” ist ganz erholsam. Ein paar halbwegs feste Wände gegen den eisigen Wind und ein löchriges Dach über’m Kopf sind schon ein richtiger Luxus! Während wir alles einpacken, kommen ein paar neugierige Grenzsoldaten und bringen uns ein paar süße Welpen vorbei. Ich bin mit allem versöhnt!

Streng bewachter chinesischer Grenzposten

Heute geht es nur 70km bergab, wo dann die größte Stadt auf der ganzen Strecke mit richtigen Hotels und Restaurants wartet. Und endlich kommen wir auch wieder unter 3000 Meter Höhe, was mir Hoffnung macht, dass mein Körper sich wieder einigermaßen erholt. Die Laune ist also halbwegs zuversichtlich, und die Strecke nicht weiter erwähnenswert. Jedenfalls kann ich mich an überhaupt nichts mehr von diesem Teilstück erinnern, so fokussiert bin ich auf das Zwischenziel :-)


Am frühen Nachmittag rollen wir in die Stadt ein und treffen gleich haufenweise anderer Fahrer und Helfer. Wir erfahren, dass viele hier aufgegeben haben. Klar, es ist die erste Verbindung zur Außenwelt seit Tagen. Die ununterbrochene Höhe hat allen zu schaffen gemacht. Es ist total verlockend, einfach in den nächsten Bus zu steigen und in die Hauptstadt zurückzufahren. Und die Etappen, die jetzt auf uns zukommen, sollen wohl besonders heftig werden… (noch heftiger?) Das Wetter ist unbeständig und für die Zeit wohl auch ungewöhnlich kalt. Sobald man einen anderen Fahrer auf der Strecke trifft, heult man sich nur gegenseitig voll, an welchen Stellen man schon überall Frostbeulen hat. Ach ja, und natürlich, wie steil und windig es überall ist...


Manchmal freut man sich einfach über schönen, geschmeidigen Asphalt!

In der Stadt treffen wir auch John wieder, mit dem wir vor ein paar Tagen gefahren waren. Er ist völlig „raus“ und hat aufgegeben. Auf der Abfahrt hatte er sein Zelt verloren, und um zu einer Übernachtungsmöglichkeit zu kommen (er hatte uns leider in unserem Ziegenstall nicht gesehen) musste er mit dem Rad auf einem Laster, zusammen mit ein paar Pferden, mitgenommen werden. Inzwischen hat ihm jemand das Zelt mitgebracht, aber er ist mental nicht mehr an dem Punkt, dass er das Stück zurück fahren und dann erneut in die Route einsteigen würde…

Wir beschließen, möglichst schnell im Hotel einzuchecken, was zu futtern und dann früh im Bett zu sein, denn die nächsten beiden Tagen versprechen mit jeweils 150km und endlosen Schiebepassagen richtig hart zu werden. Unser 4**** Zimmer ist riesig und ich dusche bestimmt 20 Minuten bei 40 Grad. Das Wasser sieht aus wie ein Moorteich, als ich meine Fahrradklamotten zum 1. Mal seit 1000 km auswasche. Wir haben einen Jiper auf Pizza und gehen in das einzige westlich geprägte Restaurant. Leider würde Pizza wohl 2 Stunden dauern… das einzige vegetarische Gericht ansonsten ist „Shawarma“, also eine Art Tortilla mit Salat drin. Das war ein Fehler. Schon beim Essen sträubt sich mein Magen, aber was soll ich machen? Wir haben Hunger und es gibt nichts anderes, und noch rede ich mir ein, dass das schon gehen wird. Der Laden ist schließlich brechend voll. Tja, falsch gedacht…

Nachts wache ich von meinem eigenen Bauchgrummeln auf und flitze direkt Richtung Klo, wo ich dann auch die Hälfte der Nacht verbringe. Um 4 Uhr klingelt der Wecker. Mir ist elendig zu Mute. Innerlich ist mir irgendwie klar, dass ich so nicht weiterfahren kann. Doch jetzt, nach allem was wir schon geschafft haben, mich von so einem Mist aus dem Rennen werfen lassen? Christian und ich diskutieren Hin und Her. Vielleicht noch einen Tag im Hotel ausruhen und dann weiterfahren? Dann würde es wahrscheinlich nicht für ein Finish vor dem Cut-Off reichen. Noch ein paar Stunden abwarten und dann eine kurze Etappe fahren? Auf den nächsten 300km gibt es absolut gar nichts, wir müssen es in zwei Tagen zum Checkpoint 3 schaffen, und bis dort wird einem kein Meter geschenkt. Es hat einfach keinen Sinn, aber ich will es nicht wahr haben. Ein paar Mal fange ich an, meine Sachen einzupacken, aber selbst dabei ist mir schon alles zu anstrengend. Sogar im Hotelzimmer friere ich trotz Daunenjacke elendig, mein Körper hat einfach keinerlei Kraft mehr. Ich bringe Christian zum Fahrrad. Es ist klar, dass er allein weiterfährt, denn er hat noch alle Chancen, es in der Zeit zu schaffen. Weshalb sollte er wegen mir jetzt aufgeben? Ich bin in einer Stadt mit Hotel und Taxis, mir kann nichts passieren. Trotzdem fällt der Abschied wahnsinnig schwer. Nur eine Woche sind wir jetzt jeden Meter gemeinsam gefahren, doch es fühlt sich jetzt schon an, als hätten wir mindestens eine gemeinsame Weltumseglung hinter uns.

Mit Christian zusammen beladen auch Ben, Julian und Petra ihre Räder und wir quatschen ein bisschen. Alle sind total fertig, aber kämpfen sich irgendwie so durch. Petra hat Probleme mit ihrem Navi und hat sich an Julian drangehängt, fühlte sich wohl irgendwie als Frau allein unterwegs auch nicht so sicher. Aber es scheint ihn auch etwas zu pushen, sie im Schlepptau zu haben, und er fährt trotz einer dick angeschwollenen Achillessehne weiter. Doch Ben sehe ich am Abend wieder, denn nach ein paar Stunden fehlte ihm wohl die Motivation, und er dreht wieder um. Ich winke Christian hinterher, der in der Dunkelheit verschwindet... Goodbye, Christian, goodbye, Finish beim SRMR :-(


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