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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 7

Es geht bergab


Nachdem ich letzte Nacht so schlecht geschlafen hatte, kann ich mich heute einfach nicht zu einem frühen Start aufraffen. Zu gemütlich ist es in der Jurte, der Frühstückstisch ist gedeckt, als ich aus dem Schlafsack krieche. Mit Tee und Pfannkuchen im Magen, starten wir in den sogenannten „Parcours“. Das ist eine vorgeschriebene Strecke, die nicht auf der eigentlichen Route liegt, uns also dem Ziel nicht näherbringt, aber netterweise trotzdem bewältigt werden muss. Der ein oder andere Fahrer hatte diesen am Vortag schon in Angriff genommen, und es gab heiße Diskussionen über den richtigen Weg. Angeblich würde der GPS-Track in einer Sackgasse enden. Auf jeden Fall wäre ein breiter tiefer Fluss mehrmals zu überwinden. Wir ziehen die Regenklamotten über und folgen erstmal einer Jeep-Karawane mit Touristen, die sich zu dem Bergsee hinauffahren lassen, der auch unser Ziel ist. Unter Jubel eines dicken Italieners fahre ich stumpf und in voller Montur durch das knietiefe Wasser. Immer wieder halten die Jeeps an, bestaunen die Landschaft und jubeln uns zu, wenn wir uns durch den tiefen Matsch vorbeikämpfen. Das spornt an!


Ziel der Bemühungen: ein spektakuläres Schlammloch, wo sonst ein kristallblauer Bergsee sein soll...

Wir sind noch vor den Touristen am Bergsee, vor allem, weil der Matsch am Ende zu tief für die Jeeps wird und sich die Touristen mit ihren leichten Sommerschuhen einen steilen Anstieg hochkämpfen müssen, der uns mittlerweile gar nicht weiter auffällt.


Oben angelangt, ist das Panorama phantastisch, obwohl der See selbst derzeit gar kein Wasser hat. Wie schön muss es erst aussehen, wenn der See kristallblau leuchtet und die schneebedeckten Berge drum herum sich im Wasser spiegeln… Wir spülen mit unseren Trinkflaschen erstmal den Matsch von den völlig zu sitzenden Scheibenbremsen, denn die Abfahrt verspricht, rutschig zu werden… Wir halten nach einer Abkürzung Ausschau, denn von hier oben sieht es eigentlich so aus, als ob der ursprüngliche Weg doch befahrbar wäre. Die Stelle, die ich mir nun zum Überqueren des Flusses ausgesucht habe, erweist sich jedoch als richtig fies, und Apple und ich stehen über beide Naben/Knie im reißenden, eiskalten Wasser. Zumindest ist der Matsch runter, als wir uns keuchend ans andere Ufer retten. Nach einigem Auf und Ab kann ich nachvollziehen, dass die anderen Fahrer diesen Weg als „Sackgasse“ bezeichnet haben. Nun gut, wir kommen irgendwann wieder an der Jurte an und freuen uns auf ein zweites Frühstück. Doch nachdem ich einen Teller Nudelsuppe geschlürft habe, beginnt mein Magen langsam aber sicher, zu rebellieren. Ob es nun daran lag, dass die Suppe seit geraumer Zeit (mindestens gestern Abend…) mehr oder weniger warm gehalten, aber nicht mehr richtig erhitzt wurde. Oder ob ich mir irgendwas von einer seit Tagen kranken Mitfahrerin, die neben mir saß, eingefangen habe. Oder ob es einfach die tagelange Anstrengung in der großen Höhe in Kombination mit dem Plumpsklo ohne Waschbecken war… Jedenfalls geht es mir spätestens nach dem nächsten richtig gemeinen Anstieg richtig schlecht...

Zwei Stunden lang schieben/tragen wir die Räder einen 35% steilen Feldweg hoch, der einfach mal in direkter Linie von dem Flusstal auf den nächsten Berg hinauf geschlagen wurde. Schon beim Anblick der vor uns liegenden Route fragen wir uns „Das kann doch nicht dein Ernst sein, Nelson!?!“ Gerne würde ich mir den Veranstalter jetzt krallen und mein Rad in die Hand drücken. Obwohl Christian nach der Hälfte des Berges, als ich völlig erschöpft und hilflos dastehe, die Plackerei übernimmt und abwechselnd Foxy und Apple schiebt, wieder runterrennt, das zweite Rad holt usw., bin ich völlig im Eimer. Selbst das Laufen ohne Rad fällt mir schwer. Ein paar Mal muss ich in die nicht vorhandenen Büsche rennen, und das Essen findet seinen Weg ohne nennenswerten Aufenthalt nach draußen. Kein Wunder, dass ich keine Kraft mehr habe!


Irgendwann sind wir dann doch oben angekommen, und weiter geht es auf dem längsten Singletrail der Welt. So richtig genießen kann ich es in meinem Zustand allerdings nicht, und mal wieder kommt ein heftiger Gegenwind auf. Bergab läuft es, aber nachdem wir fast von einer breiten Brücke geweht werden, geht es auch schon wieder bergauf. Jetzt kommt alles zusammen: 3 Stunden Anstieg mit 6-8%, stürmischer Wind von vorne, Waschbrett-Schotterstraße, Höhe, Durchfall…ich bin fix und alle. Ich nehme mir immer vor, es bis zum nächsten Strommast zu schaffen, dann wieder zum nächsten… Dann entweder ein Gel „essen“, Jacke überziehen oder einfach nur aus leeren Augen in die Gegend gucken, Nervenzusammenbruch kriegen und ein paar Tränen verdrücken, bis Christian mich davon überzeugt hat, dass wir jetzt nicht hier rauskommen, wenn wir nicht weiterfahren. Unseren Plan, die 140km bis in die nächste größere Stadt zu schaffen, mussten wir schon lange beerdigen. Mir ist eiskalt, denn mein Körper hat gar keine Energie mehr zum Verbrennen.


Erstmal kommen wir zum nächsten chinesischen Grenzposten. Wir fragen, ob wir dort in der „Kaserne“ irgendwo übernachten können, aber aus militärischen Gründen geht das leider nicht. Wir beschließen, zu einem kleinen verlassenen Haus zurückzufahren, was wir vor ein paar Hundert Metern gesehen haben. Die Tür ist zum Glück offen. Natürlich ist alles schäbbig, und das Haus wohl zwischenzeitlich zum Ziegenstall umfunktioniert, aber dennoch erscheint es uns in der Situation wie ein Palast. Christian kocht mal wieder Instant-Nudeln, aber ich kriege gar nichts mehr runter. In voller Montur krieche ich in den Schlafsack, bin froh, nicht draußen zu sein und hoffe, am nächsten Morgen irgendwie wieder fitter aufzuwachen…


5****-Sterne Hotel (Landeskategorie, Ziegenwertung)

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