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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 6

Into the “Chinese Border Zone”


Dumdidumdidumdidum...China, wir kommen!

Die Nacht ist a…kalt! Minus 7 Grad…Im Race-Manual war davon die Rede, dass wir ausnahmsweise mit bis zu 0 Grad zu rechnen hätten…na gut, die Natur ist nicht immer so berechenbar, und wir sind schließlich auf 3200 Metern Höhe. Mein Schlafsack ist bis minus 5 ausgelegt, aber ich bin echt eine Frostbeule, besonders, was Schlafen betrifft. Besonders, was Schlafen ohne heiße Dusche, nach einem harten Tag Radfahren und vor einem noch härteren Tag Radfahren betrifft… Ich fühle mich völlig gerädert, da mein Körper statt mit wohlverdienter Regeneration mit Körpertemperatur halten beschäftigt ist und ich trotz Daunenjacke und Merino-Shirt fröstel – aus dem Schlafsack HERAUS zu kriechen, ist für mich jenseits des Machbaren, als um 4 Uhr der Wecker klingelt. Nach kurzer Diskussion verlagern wir das Ganze auf 5 Uhr. Dann snoozen wir noch eine halbe Stunde… Als wir mit klammen Fingern unsere Sachen verstaut und die Eisschicht vom Tarp geschüttelt haben, ist es 6 Uhr. Zwei Stunden später sind wir am Grenzposten zum chinesischen Grenzgebiet angekommen und mittlerweile aufgetaut. Neugierig beäugen die Soldaten unsere Räder und sind sehr freundlich und interessiert. Zwei weitere Fahrer sind auch gerade beim „Einchecken“. Wir zeigen unsere Liste der Renn-Teilnehmer und die Pässe vor. Leider gibt es keinen Willkommens-Tee. Dafür einen besonders widerlichen Anstieg, wo man schon zwei Stunden vorher sieht, wo man sich hochquälen darf, da die (weiterhin sehr gute) Straße einfach geradeaus auf direktem Weg nach oben führt. Dort gibt es erstmal die letzte, wohlgehütete Cola zur Belohnung.


Letzter Schatten vor China...

Wir sind jetzt auf 3700 Metern Höhe und das merkt man deutlich, Höhentraining hin oder her. Im Vergleich zu einem britischen Pärchen, das wir immer wieder mal gesehen haben, geht es uns jedoch bestens (danke nochmal, L+T City Gym für's betreute Höhentraining! :-) Die beiden sitzen am Ufer des einzigen Flusses weit und breit, und wir unterhalten uns kurz, während wir Wasser nachfüllen. Den Zweien ist übel, Kopfschmerzen, schlapp usw. Das Gemeine: um irgendwie wieder in Gefilde mit vernünftiger Sauerstoffsättigung zu kommen, muss man in alle Richtungen locker 100km durch übles Gelände fahren…die beiden schleppen sich tapfer, aber sehr langsam voran…


Grenzabfertigung nach China

Wir hingegen haben als festes Ziel heute den Checkpoint 2 vor Augen: Essen, ein Dach über’m Kopf, nicht wieder diese Kälte… Aber da gibt es noch Einiges zu schaffen, bevor wir in diese Genüsse kommen. Die Straße bis zur eigentlichen chinesischen Grenze ist weiter super ausgebaut, wir werden von einer Handvoll LKW überholt. Diese stehen dann in einer langen Schlange am Kontrollposten, ich mache die Aufschrift „Nordsee Transporte“ aus. Wow, der Fisch ist bestimmt nicht mehr so taufrisch…Wahrscheinlich werden die Krabben im nächsten Dorf hinter der Grenze gepult und dann zurückgefahren, wo sie einen Monat nach dem Fang auf einem Fischbrötchen landen. Wie eine Fata Morgana taucht plötzlich eine nagelneue Tankstelle auf! Ich habe Eis und Cola vor Augen! Doch leider ist der Laden wohl etwas abseits der üblichen Lieferwege…es gibt absolut gar nichts, noch nicht mal Wasser!


Praktisch: dreckige Wäsche befindet sich eh in der Satteltasche. Nur noch Wasser und Seife dazu und auf der Waschbrettstraße ordentlich durchschütteln lassen!

Also, die Grenze rechts liegen gelassen und weiter, immer geradeaus entlang eines endlosen Stacheldrahtzauns. Rechts China, links kirgisisches Niemandsland, in der Mitte eine 50km lange Schotterstraße mit altbewährtem Waschbrettmuster. Ich nehme mir fluchend vor, beim nächsten W-Lan Rammstein runterzuladen. Bis dahin dröhnt Limp Bizkit in meinen Ohren: „Keep Rollin‘ Rollin‘ Rollin‘!“ Auf meinem Höhenprofil sah dieser Abschnitt wie eine wunderbare Abfahrt aus! Doch auch hier gilt wieder: bei schlechter Straße und Gegenwind nützen dir 2-3% Gefälle herzlich wenig… Die Stimmung wird angeheizt durch eine pechschwarze Gewitterwolke, die sich vor uns auftürmt. Naja, unterstellen kann man sich eh nirgends… Als wir gerade nach einer Furt durch einen tiefen und breiten Fluss suchen, prasseln die ersten Hagelkörner auf uns herab. Ein alter Mann beobachtet unsere Bemühungen und kommt vorbei: Woher? Alemania! Daraufhin zeigt er uns eine Tätowierung: „Wismar“, offenbar aus einem Gefangenenlager, wo er 2 Jahre zubrachte! Krass. Da erscheint das Gewitter dann doch ganz harmlos gegen…

Einzige Unterstellmöglichkeit: Pferd :-)

So schnell wie die dicken Wolken oft aufziehen, sind sie auch wieder weg. Einigermaßen trocken fahren wir in die Dunkelheit hinein. Nicht mehr weit bis zum Ziel! Doch 20km können sich ziehen, besonders, wenn einem das Höhenprofil mal wieder einen klitzekleinen Anstieg unterschlagen hat… Als wir über 2 Stunden später und mit 185 km Tagespensum endlich jemanden mit einer Lampe vor einer Jurte rumfuchteln sehen, sind wir endlos erleichtert! Wieder ein kleiner Sieg!

Die Helfer haben uns auf dem GPS-Board natürlich schon im Anflug gesehen. Wir werden sofort mit warmer Suppe und dem verdienten 2. Stempel in unserer Brevet-Card versorgt. Die Stimmung ist gut, wir sitzen mit einem Dutzend Fahrern, Helfern und der Nomaden-Familie, die hier ein kleines Jurten-Camp betreibt, um den großen Tisch und tauschen abenteuerliche Geschichten und persönliche Grenzerfahrungen aus. Alle Betten sind belegt, deshalb müssen/dürfen wir im Essenszelt auf dem Boden schlafen. Dies nehmen wir dankbar an, denn hier ballert der Ofen ordentlich und es ist schön warm. Mitten in der Nacht werden wir allerdings kurz wach, als uns Regen ins Gesicht prasselt! Durch das kleine Dunstabzugsloch in der Mitte der Jurte regnet es ordentlich und diagonal hinein. Egal, Biwaksack-Kapuze drüber und über die Wärme und Geborgenheit eines fast festen Dachs über dem Kopf freuen!

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