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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 5

Zwischen Himmel und Hitze


Für diese Abfahrt hat sich das alles mehr als gelohnt :-D

Es geht eigentlich ganz entspannt los heute, allerdings können 40 km an einer schnurgeraden Straße durch’s Nirgendwo irgendwie mental mehr fordern als der steilste Pass. Nun ja, das erste Zwischenziel heute ist eine etwas größere Stadt und laut Marschtabelle der letzte Shop vor dem Niemandsland an der Grenze zu China.


Markttag Sozialismus-Style - Shopping!

Für die nächsten 400 km wurden wir explizit angewiesen, genug Proviant mitzuschleppen, denn außer einer warmen Mahlzeit am Checkpoint 2 würde es Nichts mehr geben. Dass mit Nichts auch wirklich gar Nichts gemeint ist, war uns inzwischen klar geworden. Bis an die Zähne bewaffnen wir uns mit Instant-Nudeln, Schokoriegeln im Allgemeinen und Snickers im Besonderen, sowie irgendeinem Pulver mit Zitrone drauf – was sich allerdings beim Probieren als Zitronensäure statt Zitronenlimo entpuppt… Na, vielleicht war es zumindest dem hygienischen Zustand der Trinkflaschen zuträglich, die wir munter mit Cola, Eistee, Brausetabletten und Elektrolyt-Mix befüllen. Eine explosive Mischung, ein paar Mal sind uns schon die Deckel von den Flaschen gesprungen, wenn wir sie luftdicht zugemacht haben… Aber man freut sich über alles, was man kriegen kann, um den ausgelaugten Körper irgendwie bei Laune zu halten. Zwischenzeitlich phantasiere ich von Kaffee, sehe mich bei Barösta sitzen, nehme mir fest vor, falls ich jemals zurückkehren sollte, eine Siebträger-Espressomaschine für meine Praxis anzuschaffen…


Lieber die endlose Waschbrettstraße oder die Berge vor uns? Egal, wir müssen eh durch beides durch %-P

Doch jetzt gibt es zunächst einmal ein halbwegs vernünftiges Frühstück in einem alten Sowjet-Hotel in der Stadt. Wir vertilgen mühelos 4 Spiegeleier pro Nase. Dazu das erste Mal W-Lan! Während ich meinen Instant-Kaffee runterspüle, checke ich WhatsApp und Facebook und freue mich riesig über die aufmunternden Worte aus der Heimat! Außerdem stellen wir fest, dass schon ein Drittel der Teilnehmer aufgeben musste. Ja, das Rennen ist in verschiedensten Belangen richtig hart (Hitze, Kälte, Höhe, Instant-Kaffee!) und fordert seinen Tribut. Umso dankbarer bin ich, mich immer noch gut zu fühlen. Dennoch reiße ich mich nur mühsam von der Zivilisation los, wieder raus in die staubige Hitze. Als wir unsere Räder beladen, werden wir von einem alten Mann gefragt, woher wir kommen. Auf die Antwort „Alemania“ sagt er: „Ah, Nazis!“ Mir wird bewusst, dass die Menschen, die wir hier treffen, aller Wahrscheinlichkeit nach nur im Rahmen des 2. Weltkrieges jemals über ihre Landesgrenzen hinausgekommen sind. Bedrückend. Wieder einmal bin ich dankbar, so ein freies Leben zu haben, so eine Reise und so eine tiefgreifende Erfahrung machen zu dürfen. Und zwar ganz freiwillig und in friedlicher Mission.

Letztes Rinnsal vor China - zum Glück ausgenutzt!

Zunächst geht es endlos auf einer richtig fiesen Waschbrett-Schotterstraße auf einen Höhenzug zu, den wir dann natürlich auch in stundenlanger Plackerei erklimmen. Meine Dankbarkeit rückt zwischenzeitlich etwas mehr in den Hintergrund. Die Landschaft ist (mal wieder) nicht von dieser Welt: ockerfarbene Felswände, rot-braune Erde wie in Afrika, das Thermometer kriecht unbeirrbar Richtung 40 Grad. Ein letztes matschiges Rinnsal vor dem Anstieg, um noch einmal die Wasserreserven aufzufüllen. Im Staub von irgendwelchen russischen Touristen, die mit dicken Jeeps den Anstieg hochheizen, arbeiten wir uns nach oben. Dieser Teil der Strecke führt mal wieder über die berühmte Seidenstraße, die alte Handelsroute nach China. Wir sehen einige zerfallene Gebäude, die arabisch anmuten. Hier haben vor Hunderten von Jahren die Karawanen Halt gemacht und sich von der beschwerlichen Reise (sind Kamele eigentlich vollgefedert?) ausgeruht und nachgetankt. Wir essen dafür mehr Snickers. Oben angekommen gibt es eine Belohnungscola. Im Hinterkopf schmiede ich schonmal Pläne für ein ausgiebiges Heilfasten, falls wir nach Hause kommen sollten…also, Espresso-Heilfasten natürlich!


Kirgisischer Colorado-River

Auf einem besonders steilen Stück lässt ein Schäfer seine Schäfchen weiden und ist ganz angetan von meinem Mountainbike (oder mir?). Ich bin indes angetan und neidisch auf sein Pferd. In den letzten Tagen, wo immer wieder herrliche Pferde leichtfüßig neben uns hertrabten, während wir schnaufend die Berge hochstrampelten, hab ich mich schon einige Male gefragt, ob nicht ein Reiturlaub auch eine gute Idee gewesen wäre… Schnell ist klar, dass Schäfer und ich einmal auf das Gefährt des anderen umsteigen wollen. Dem Gaul ist das Ganze zwar nicht so geheuer, eventuell fehlt ihm der bekannte Wodka-Duft seines Herren bei mir, fügt sich aber seinem Schicksal. Aufmunternd schnalze ich und presse die Beine an seinen Bauch, wie gelernt. Nichts tut sich. Der Schäfer rollt verständnislos die Augen und führt mich voran, als wir dann in Fahrt sind gibt er mir den Strick des Halfters in die Hand. Ah ja, sobald man mit dem Strick wedelt, schaltet das Pferd einen Gang hoch. Kein Wunder, dass ich Scharen von Kindern zu dritt auf einem Pferd und lasso-artig mit dem Strick wedelnd an mir vorbeigaloppieren gesehen hatte… Als ich meine neue gewonnenen Kenntnisse in kirgisischer Reitkunst jedoch anwende und antrabe, grunzt der Hirte verzweifelt und sieht mich wahrscheinlich schon über alle Berge bzw. im nächsten Graben. Alles klar, noch einen Schnappschuss für die Kollegen, denn wer hat schonmal eine blonde Frau auf seinem Pferd gehabt? Und schon nehme ich meinen Drahtesel wieder in Empfang. Zum Glück kam gerade kein Control-Car der Organisatoren vorbei ;-)


Eine herrliche, fruchtbare Hochebene tut sich vor uns auf, als wir das heiß-staubige Tal hinter uns lassen. Grüne Hügel, endlose Weite und vor allem eine endlose Abfahrt! Voller Glück rollen wir hinab, in meinen Augen blinkt in neonfarbenen Buchstaben eine FLOW-Leuchtreklame. Über uns kreisen goldene Adler. Eine Pferdeherde galoppiert mit wehenden Mähnen den Berg hinab und vor mir über die Straße. Schafhirten winken uns fröhlich zu, als wir in plätschernden Bergbächen Wasser schöpfen. Einfach traumhaft! Dieses Gefühl kann man nicht kaufen und auch in keinem Videospiel oder Drogenrausch erleben. Das muss man sich erarbeiten... Danke, dreistündiger 12%-Anstieg bei 40 Grad Hitze!

Pferde kreuzen. Ansonsten: einfach nur FLOWEN lassen!

Sogar der nächste Anstieg macht in der goldenen Abendsonne Spaß. Es folgt eine lange Abfahrt, wie mit dem Lineal in die Landschaft gezogen. Inzwischen ist die Sonne untergegangen und da wir uns noch immer über 3000m befinden, ist uns schnell richtig kalt. Wir sind froh, endlich an der großen Hauptstraße angekommen zu sein, welche zur chinesischen Grenze führt, und wieder treten zu dürfen. Zwar sind hier nur ganz wenige Autos unterwegs, aber es ist super ausgebaut. Im Dunkeln suchen wir links und rechts der Straße mit unseren Fahrrad-Lichtern nach einer passablen Schlafmöglichkeit. Wieder einmal ergibt sich das Problem: über der Baumgrenze = keine Bäume. Dazu ist es richtig windig. Kilometerweit gibt es einfach: gar nichts – keinen Schutz, kein Kanalrohr, kein verlassenes Haus. Doch plötzlich lässt der Wind nach (es hat wohl was mit der Sonneneinstrahlung zu tun, denn die Winde hier kommen und gehen immer von jetzt auf gleich). Also gut, wir bauen das Tarp über die Fahrradlenker gespannt in einer Mulde neben einem ausgetrockneten Flussbett auf. Unser Wasser reicht noch gerade für eine ordentliche Portion Instantnudeln. Das einzige Geräusch weit und breit ist das Zischen unseres neuen kleinen Campingkochers (danke, L+T Sporthaus!). Die Suppe wärmt ein bisschen von innen. Wenig später liege ich mit so gut wie allen Klamotten, die ich habe, im Schlafsack. Der Wecker wird auf 4 Uhr gestellt, denn morgen wollen wir unbedingt Checkpoint 2 erreichen, das wird eine harte Etappe…


Apple und ich reiten in den Sonnenuntergang

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