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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 4

Alpe d’Huez ist ein Kinderkarussell


Auf dem Weg zum nächsten Pass - vorbei an einem muslimischen Friedhof mit eindrucksvollen Mini-Minaretten

Am nächsten Morgen unterbieten sich die vielen Fahrer, die im Guesthouse in zwei Räume gestopft waren, mit frühem Aufbruch. Da ich schon seit dem Hinflug eh keinen Biorhythmus mehr habe, fällt es gar nicht weiter auf, dass ich schon wieder um 5 Uhr auf dem Rad sitze. Sogar eine Tankstelle mit einem großen Kaffeesymbol taucht nach einer Weile auf! Ich mache ein Nickerchen an der Tanksäule, unterbrochen von 3 Instantkaffees. Man muss die Tankstellen feiern, wie sie fallen!



Die Anfahrt zum nächsten Pass radeln wir gemeinsam mit John aus England, der bereits das Great Divide Rennen gefinisht hat und insofern viel Erfahrung auf dem Kerbholz hat. Die Kilometer verfliegen so viel schneller, wenn man mal mit jemandem anderen als sich selbst, seinem inneren Schweinehund oder dem Typ, der meine Zahnbürste trägt (also Christian) reden kann!


Ich habe alle Gegner voll unter Kontrolle

Doch sobald es richtig steil wird, bleibt John weit zurück, und während es auf meinem Hörbuch zum Endkampf Gut gegen Böse kommt, ziehe ich die steilen Kehren geschmeidig wie ein Bergleopard hinauf. Bis der Sturm kommt. Ich klammer mich an Apple fest, während wir mit besorgniserregender Schräglage immer wieder am Abgrund entlanggepustet werden. Oben angekommen, bietet sich ein grandioser Blick auf den Sol Kul, ein leuchtend blauer See auf über 3000 Metern Höhe! Ringsum alles voller Weiden, diese Hochebene ist sehr fruchtbar und daher voll mit Jurten und jeweils riesigen Herden (Pferd/Yak/Schaf) drumrum.


Die Gewitterwolken lassen uns kräftig reintreten im Endspurt zum 1. Checkpoint!

Am anderen Ende des Sees wartet Checkpoint 1 auf uns. Alles klar, das kann ja nicht so wild sein, angeblich geht es bergab und dann flach entlang des Sees… Pustekuchen, mal wieder wurden die knackig steilen Anstiege von 20% entlang des Seeufers vom Höhenprofil verschluckt. 50 Höhenmeter, auch wenn sie noch so steil sind, fallen einfach nicht auf wenn es insgesamt fast 30.000 sind… So kämpfe ich mich zunächst noch zielstrebig (gleich gibt es richtiges Essen!), dann zunehmend entnervt, schließlich verzweifelt, einen fiesen Hügel nach dem anderen hinauf. John ist natürlich schon längst wieder über alle Berge, selbst wenn er bergauf schieben muss. In den Abfahrten und Flachpassagen ist er viel schneller als ich. Ist mir jetzt aber auch egal, Hauptsache endlich zu diesem blöden Checkpoint!


Checkpoint 1! Wie ein kleiner Sieg!

Es fühlt sich dann wie ein kleiner Sieg und definitiv ein wichtiges Zwischenziel an, als ich endlich unter dem Tor zum Jurten-Camp Sol Kul einrolle! Alles ist voller Fahrer, Freiwilliger Helfer, und sogar Rennleiter Nelson ist vor Ort! Der sieht mindestens genauso fertig aus, wie ich mich gerade fühle, insofern halte ich mich zurück, was zwischenzeitlich aufgestaute Kritik an der hammerharten Strecke angeht. Bisher war’s ja auch noch relativ entspannt, zumindest wenn ich es rückblickend und im Eiscafé in Westerkappeln sitzend betrachte ;-)


Endlich Futter! Und ja, ein paar Zuckerstückchen mussten auch dran glauben ;-)

Es gibt leckeres Essen, angesichts der Höhe, Anstrengung und teilweise Hitze kriegt man aber gar nicht so viel runter, wie man eigentlich wollte… Ich stopfe soviel Plov (Nationalgericht: Reiseintopf mit Gemüse und Schaf, in diesem Fall ohne Schaf…) in mich rein und lasse mich dann zu einem Verdauungsschläfchen umfallen (der Vorteil daran, wenn ohnehin am Boden gesessen und von niedrigen Tischen gegessen wird).


Was für ein Ausblick! Die Straße hinter mit geht es gleich stundenlang bergab :-D

Wie neu geboren sitze ich dann eine halbe Stunde später und einen Besuch auf der „Toilette“ (Loch im Boden mit ein paar Brettern als Sichtschutz drumrum) wieder im Sattel. Beflügelt durch den ersten Stempel in unserer „Brevet Card“, in welcher insgesamt 4 Stempel zum Ziel führen, strampeln wir munter weiter. Nachdem wir die Hochebene mit dem See nach einem kleinen (alles ist relativ…) Anstieg verlassen haben, tut sich vor uns die Abfahrt des Jahrhunderts auf!


Alpe d'Huez kann einstecken!

Sowas habe ich noch nicht gesehen! Der ganze Berg ist von Serpentinen durchzogen. Danach geht es weiter, so weit das Auge blickt, das Tal hinab bis zum Horizont. Yeeeeaaahaaa! Wir stürzen uns in die Abfahrt, während sich langsam die Sonne dem Horizont neigt. Im goldenen Licht schmettern wir mit einem entrückten Grinsen Kehre um Kehre hinab. Die Bremsen laufen heiß, und zum Abkühlen der Scheibenbremsen und Ausschütteln der Handgelenke müssen wir ein paar Pausen einlegen, denn es geht 2 Stunden lang so…



Das letzte Stück, bis das Tal auf eine größere Straße trifft, zieht sich dann nochmal, denn wie so oft reichen 1-2% Gefälle nicht aus, um auf diesen schlechten Schotterstraßen einfach dahinzurollen… So ist es schon stockdunkel, als wir in einem kleinen Dorf ankommen, das laut Marschtabelle „mehrere Guesthouses“ bereithalten soll. Zunächst einmal werden wir nur von Horden kläffender Köter begrüßt, doch irgendwann tauchen ein paar Männer im Schein der Helmlampen auf, und nach einigen Telefonaten werden wir quer durch das nun immer größer werdende Dorf geleitet. Eine Viertelstunde später kommt uns ein anderer Mann entgegen, erzählt was von „Touristas“ und wandert noch eine Weile mit uns durch die pechschwarze Nacht, während er bei seiner Frau per Handy schonmal „Vegetarianski“ ordert. Wir sind zuversichtlich! Zu Hause angekommen, werden wir erstmal vor dem üblichen Kekse/Bonbons/Fladenbrot Buffet platziert. Eine Weile später bekommen wir dann Kartoffeln mit Gemüse und eine heiße Dusche. Super! Meine einzige Sorge ist nur, dass ich nach dem reichlichen Tee-Genuss heute Nacht auf’s Klo muss… denn wie sich herausstellt, ist das hochmoderne nagelneue Klo im Badezimmer nur Zierde…durch einen Parcours verrosteter Landwirtschaftsgeräte geht es über den pechschwarzen Hof zu einer windschiefen Bretterbude. Das Loch darin wirkt unendlich tief und frisst mit Sicherheit Handys, Sonnenbrillen und Touristas… Unruhig wälze ich mich auf der dünnen Matte, die auf dem Boden des Kinderzimmers ausgebreitet wurde, hin und her. Aber alles geht gut, naja, wir stehen ja ohnehin wieder um 5 Uhr auf, so kann man auch seine Blase austricksen ;-)

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