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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 3

Kirgisisches Death Valley

Tatsächlich sitze ich wieder im Stockdunkeln auf dem Rad und kurbel mal wieder irgendeinen Pass hoch. Dank der Dusche und dem richtigen Bett, dazu einige Kekse im Magen, fühle ich mich taufrisch. Der Himmel färbt sich wiedermal in den kitschigsten Farben und ich höre mich durch „Best of Linkin Park“ – und zwar DREI MAL hintereinander (diese Pässe hier sind ganz schön laaang!). Fröhlich winken wir den anderen Fahrern zu, die gerade ihre Zelte zusammenpacken oder an denen wir vorbeiziehen.


Die Sonne scheint mir aus dem A... beim morgendlichen Passanstieg.

Ich habe genau das Gefühl, für das ich hierhergekommen bin. Ich bin eins mit dem Weg, dem Berg, meinem Rad, der Musik und natürlich Christian, und zwar ohne ein Wort sagen zu müssen. Ein Hirte treibt seine Pferde von seiner Jurte auf die Weide für den Tag. Die Sonne glitzert im Fluss, während die Pferde über die Berge galoppieren. In einer kurzen Zwischenabfahrt kommen mir vor Freude die Tränen und ich jubel laut auf, während ich mit Apple über jede Rinne springe wie ein aufmüpfiges Fohlen.


Der einzige Picknicktisch des Landes lädt ein zum Snickers-Buffett auf der Passhöhe :-)

Nach einem ausgiebigen zweiten Snickers-Frühstück auf der Passhöhe geht es in eine endlose Abfahrt. Übermütig präsentiere ich Christian meine Abfahrtskünste, als plötzlich die Ideallinie in der Kurve von einem Haufen größerer und rutschig aussehender Steine versperrt ist. Meine spontane Radius-Erweiterung endet dann aufgrund noch mehr, noch größerer Steine darin, dass ich mehr oder weniger geradeaus fahre. Während sich Christian kaputtlacht schiebe ich Apple rückwärts aus den Büschen und nehm mir vor, mich trotz überschwenglich guter Laune ein bisschen zu konzentrieren.


Der sprichwörtliche "platz an der Sonne" liegt manchmal im einzigen Schatten weit und breit!

Aber nicht lange, denn die Abfahrt ist einfach zu geil! Wir rauschen durch Bergbäche, dass es nur so spritzt, schlängeln uns entlang von ausgewaschenen Längsrillen, nehmen jede Bodenwelle als Sprungschanze. 2 Stunden lang! Irgendwann liegen wir erschöpft im Gras, in diesem herrlichen Tal gibt es sogar Bäume und Blumen, eine echte Seltenheit, und lassen uns Chips in die aufgesperrten Mäuler rieseln. Das nenn ich Urlaub!



Irgendwann in der Abfahrt kam uns ein Mitfahrer entgegen, sein Gefährt fluchend vor sich her schiebend. Der Arme musste aufgeben und in den nächsten Ort zurücklaufen, nachdem ihm sein Pinion-Gurt gerissen war. Diese Antriebe haben einen „Keilriemen“ statt einer Kette und gelten dadurch als besonders langlebig und wenig störanfällig…und dann das! Ich leide echt mit, besonders, weil ich selbst gerade so viel Spaß habe… Um so mehr bin ich dankbar, für dieses tolle Rennen, die Möglichkeit, dieses Land und meine Grenzen kennenzulernen, und dass alles so gut läuft! Bestimmt würden noch andere Zeiten kommen…


Last cyclist paddling im kirgisischen Death Valley...

…und diese andere Zeiten kamen!



Zum Glück hatten wir nochmal den einzigen Fluss weit und breit zum Nachfüllen mit unserem Wasserfilter genutzt. Füße und Trikots dabei nochmal mit kaltem Wasser abgeschreckt. Und dann rein in diesen endlosen Anstieg, der sich als der heißeste der ganzen Tour entpuppen sollte. Kein Baum, kein Strauch, kein Wasser in Sicht, nicht mal ein Käfer! Es ist früher Nachmittag, die Sonne brutzelt volle Möhre auf uns herab. Ich klatsche mir die dritte Ladung 50+-Sonnencreme auf die bloße Haut und mache mir kaum noch die Mühe, sie zu verteilen, in der Hoffnung, dass die weiße Schicht ein bisschen Schutz bietet… In meinem Ohr hämmern die treibenden Beats meiner „Sport Motivation Playlist“: "This is my last Resort".



Umdrehung für Umdrehung kämpfen wir uns die 12-18% Steigung dieser gnadenlosen Schotterstraße herauf. Ich rechne quasi hinter jeder Kurve damit, ausgetrocknete Skelette zu sehen und schaue mich angstvoll nach kreisenden Geiern um. Stumm stecke ich Christian eine Salztablette zu. Gegenseitig pushen wir uns weiter, vorbei an völlig überhitzten und von der Sonne verbrannten Mitfahrern. Endlich, ein unscheinbarer Gipfel, der im Höhenprofil absolut unsichtbar war - juuhuuu, geschafft! Ganz oben taucht wie eine Fata Morgana eine Wasserleitung auf, die hier ein gepriesener Meister-Ingenieur vom einen zum anderen Haus einfach 2 Meter über der Straße verlegt hat. Und aus dieser spritzt es eifrig direkt auf die Straße! Das nenne ich Trailmagic! Glücklich nehmen wir eine kleine Dusche und lassen uns dann vom Fahrtwind in der Abfahrt abkühlen.


Abkühlung nach dem heißesten Anstieg überhaupt - davon könnten sich die Organisatoren mal eine Scheibe abschneiden! Trageservice am Shamsi-Pass zum Beispiel...

Als Nächstes stoßen wir auf eine riesige Baustelle. Das ganze Flusstal wird von den Chinesen mit einer monströsen Straße zubetoniert, um darüber dann einen Staudamm zu bauen. Dies wird quasi mit der kirgisischen Regierung als Tauschgeschäft ausgehandelt – Strom gegen Straße. Die absurde Naturzerstörung interessiert natürlich niemanden. Wir werden aus unserer heilen Welt „hier ist noch alles in Ordnung“ (okay, es sind 47 Grad, aber sonst…) plötzlich auf den Boden der globalen Wirtschaftsrealtität zurückgeholt. Ich nehme mir vor, nie wieder chinesische Produkte zu kaufen. Okay, außer vielleicht die süüüüße Flamingo-Badeinsel! Mist.

Da glüht der Asphalt!

Naja, jedenfalls sind wir froh und dankbar, zumindest auf frischem, noch/wieder heißem Asphalt dahinzurollen. Es geht tendenziell bergab, und dank der guten Straße kommen wir auch tatsächlich mal voran, nach den ganzen Strapazen. Noch mehrmals kühlen wir uns im eisigen Fluss (wie kann das sein?) ab. Die chinesischen Bauarbeiter hatten die selbe Idee, winken fröhlich und hüpfen begeistert nackig auf und ab, als wir vorbeirauschen. Ein weiteres Mal bin ich froh, nicht allein unterwegs zu sein ;-)


Endlich! Wasser ist Leben :-)

Als wir eeendlich in ein Dorf einfahren, gibt es erstmal die ALLERBESTE Cola dieser Reise (gefolgt von vielen weiteren, ebenfalls seeehr guten Colas…). Anschließend irren wir auf der Suche nach einem auf der Marschroute verzeichneten Guesthouse durch die dunklen Straßen, bis man uns hilfsbereit zu einem Stapel anderer beladener Räder führt, die im Hof eines großen Hauses lehnen. Drinnen herrscht schon Fahrer-Party am klassichen kirgisischen Ganztages-Buffet aus trockenen Keksen, Fladenbrot mit Marmelade, Bonbons und Tee. Wir sind alle völlig fertig und haben rotglühende Wangen. Ein finnischer Mitfahrer kippt heißes Wasser über seine Instant-Nudeln. Ein anderer ist den ganzen Tag „Singlespeed“ gefahren, nachdem sein Schaltzug gerissen war (er kriegt es tatsächlich repariert und kommt ins Ziel!). Alle kleben an ihren Handys und schreiben ihre Nachrichten und Updates an ihre Freunde, nachdem zum 1. Mal seit dem Start Internetverbindung besteht. Wir erfahren, dass wir auf Platz 37/38 stehen, wow! Müde aber glücklich sinken wir in die Betten, um am nächsten Morgen und mit aufgefüllten Vorräten (10 Snickers + Chips + Cola…) endlich zum Checkpoint 1 aufzubrechen.

Der Beweis: 47 Grad (und noch 3,3 km/h!)

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