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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 2

"You call this a Pass?!"


Im Frühtau zu Berge - 3850 Meter hoher Berg, um genau zu sein!

Als wir um 3 Uhr morgens aus unserer Regenröhre kriechen, ist die Luft kristallklar und die Milchstraße zum Greifen nah. In Serpentinen schlängeln wir uns der Passhöhe entgegen, die Lichter von uns und unseren Mitfahrern tanzen wie Glühwürmchen durch die endlosen Kehren. Während ich nichts weiter höre als meinen eigenen Atem in der immer dünner werdenden Luft und das Knirschen des groben Schottern unter dem Reifen, färbt sich allmählich der Himmel von dunkelblau über lila zu orange. Das erste, aber nicht das letzte Mal während dieses Rennens begrüße ich die Sonne ganz bewusst wie den Spender allen Lebens. Mit diesem erhabenen Gefühl erreichen wir fast mühelos den Kergeti-Pass auf 3850 Metern Höhe im Sonnenaufgang und stürzen uns dann glücklich in die erste Abfahrt. Diese wurde uns als besonders tückisch geschildert, doch neben einigen Schiebepassagen lässt sich auch vieles gut fahren, jedenfalls mit meinem Mountainbike ;-) Die meisten anderen sind auf ungefederten Rädern unterwegs, und wie wir später erfahren bricht sich auch ein Teilnehmer bei einem Sturz hier die Rippen, und auch einer der Hamburger Jungs testet wohl seine Rollfähigkeiten an einem ausgesetzten Abgrund. Zwei andere Starter müssen wohl später wegen Unterkühlung aufgeben und ein dritter wegen Höhenkrankheit. Der Kergeti ist ein echter erster Test für alles, was da noch so kommen mag!


Blick zurück auf die Pass"straße" hoch zum Kergeti

Derweil wird uns schon wieder im nächsten Anstieg warm. Das Wetter wechselt schneller, als man sich umziehen kann, und bald schon gehe ich für den Rest der Reise dazu über, die Regenjacke nur noch um die Hüften zu knoten. Immer wieder wartet eins der Kontrollteams am Wegesrand, macht Fotos, feuert uns frenetisch an und checkt die Lage. Falls man wirklich dringend Hilfe benötigen würde, wären sie auch zu Stelle. Leider nicht für Notfälle à la Kaffeeentzug, akute Durchnässung oder Sonnenbrand im Nacken. Dennoch, so ein Auto mit englisch sprechenden Menschen kann einem schon das manchmal ganz angenehme Gefühl von greifbarer Zivilisation geben.


Wasser Auffüllen, eine unserer Lieblingsbeschäftigungen - mit dem Wasserfilter "Care Plus" waren wir übrigens sehr zufrieden, das Teil ist superklein (wie ein Snickers ;-) und 38g leicht und funktioniert einwandfrei!

Auch eine Truppe Motorradfahrer aus der Schweiz mischt sich unter die Fans. Während die anderen mal wieder schieben, lege ich unter Begeisterungsrufen noch einen Sprint zur nächsten Passhöhe hinauf. Es motiviert mich einfach immer total, wenn ich Zuschauer habe! Doch die Abfahrt danach zieht sich. Und zieht sich noch mehr…. Die 50 km bis zur nächsten Kreuzung sahen im Höhenprofil aus, als ob man da mal eben gemütlich in 2 Stunden runterrollt und dann ein zweites Frühstück im nächsten Ort einnimmt. Zum ersten Mal werden uns die Dimensionen schmerzlich bewusst. Eine Abfahrt mit 1-2% Gefälle auf schlechten Schotterpisten und mit Gegenwind ist eine echte Tagesaufgabe. Nachdem die Landschaft bisher so herrlich war, streikt vorallem der Kopf angesichts der endlosen Weite. Hinter jeder Kurve sehnen wir uns – IRGENDWAS – herbei. Aber es kommen nur weiter endloser Schotter, links und rechts endlose grün-braune Weiden, sonst nichts. Ein Baum am Flussufer erscheint wie eine regelrechte Oase, und mehr für den Kopf als für den Magen werden wir erstmal den Kocher an. Heißes Wasser in die Tüte mit Reis und indischen Linsen, ein kleines Nickerchen, dann Essen und weiter. Eeeendlich kommen wir an die Kreuzung! Es ist viel später als geplant, wir befürchten, erst in dem noch 25km entfernten Ort mit Shop anzukommen, wenn dieser schon geschlossen haben würde, was uns ziemlich doof dastehen lassen würde. Also nehmen wir einen Umweg von 45 Minuten in Kauf, um einen auf unserer Marschroute eingezeichneten Shop anzusteuern. Immerhin hat dieser geöffnet und wir schlingen Eis, Cola, Chips und Snickers in uns herein. Noch schmeckt uns unsere „SilkRoad-Diät“ sogar!


Unfaire Blockade, wahrscheinlich durch Gegner organisiert, die uns anderweitig nicht abzuschütteln vermögen!

Gut gestärkt düsen wir zurück auf die Strecke, nur um festzustellen, dass ohne Umweg 10 Minuten später 4 Shops nacheinander gekommen wären! Na toll, diese waren natürlich nicht auf der Marschroute angegeben… Ärgerlich, aber naja, was machen schon 45 Minuten bei so einer Strecke.

Endlich in Bissyk-Oil angekommen ist es dann bereits stockdunkel (unsere Ursprungsplanung hatte uns hier wie gesagt zu einem späten Frühstück am 2. Tag gesehen…) . Eigentlich wollten wir noch ein Stück in den nächsten großen Anstieg hineinfahren, doch das letzte Haus an der Straße hat doch tatsächlich ein Schild (sowas ist in diesem Land nicht selbstverständlich, wie wir noch öfter feststellen werden), auf dem ein Guest-House ausgewiesen wird. Nach einigem Hin und Her schaffen wir es, Dank einer aus dem Bett geholten, englischsprechenden Wander-Führerin, die hier gerade ebenfalls mit ihren Gästen abgestiegen ist, ein Zimmer für 2 Personen für eine Nacht zu organisieren.

Während wir den obligatorischen Begrüßungs-Tee trinken, können wir Dank der guten Übersetzerin ein bisschen was über die alte Dame, der das Guesthouse gehört, erfahren. Tatsächlich ist es insgesamt ansonsten sehr schwierig mit der Verständigung, und das, obwohl die Gute seit bestimmt 100 Jahren in diesem bei Wander-Touristen recht beliebten Ort eine Pension betreibt… Jedenfalls erfahren wir, dass die Tochter in der Türkei arbeitet, und dass die Berge in der Region sehr schön, aber hoch sind :-)

Nach einer herrlichen heißen Dusche sinken wir dann unter den dicken Wolldecken in einen tiefen erholsamen Schlaf und träumen von hohen Bergen – Moment mal, oder sitze ich vielleicht tatsächlich schon um 5 Uhr morgens wieder im Sattel?!?


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