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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 11

Re-Union und Überlebenskampf auf dem Tosor-Pass


Um 2 Uhr morgens werde ich von einem Stöhnen geweckt. Im Schein der Stirnlampe hastet Christian zur Toilette, wo er sein Abendessen nochmal einer näheren Inspektion unterzieht. Zu spät, der Magen ist verdorben, entsprechend kraftlos drückt er 2 Stunden später nochmal (genau genommen 1 Stunde lang...) auf die Snooze-Taste, als der Wecker zum frühen Aufbruch auf den höchsten Pass des Rennens klingelt.

Als wir um 8 Uhr dann endlich und mit immerhin ein paar Tassen schwarzem Tee im Magen auf den Rädern sitzen, sprühen mir die Funken aus dem Hintern vor Motivation, wieder im Rennen zu sein. Den armen, völlig entkräfteten Christian ziehe ich im Windschatten die 30km auf guter Straße bis zum Abzweig zum Torso-Pass hinter mir her. Am dortigen Mini-Shop treffen wir die drei, mit denen ich am Tag zuvor das Taxi geteilt hatte. Während eines zweiten Frühstücks (Snickers…) tauschen wir Pläne aus. Die drei wollen ganz entspannt ohne Gepäck den „Fairytale Canyon“ erkunden, aber nun juckt es mich kein bisschen mehr in den Pedalen, mit ihnen zu fahren – I’m on fire! Am Anfang der Passstraße liefere ich mir ein Rennen mit einem überladenen alten Traktor, wofür ich anerkennende Blicke der Familie ernte, die auf der Ladefläche sitzt. Christian gibt sein Bestes, um mitzuhalten, doch schon bald sind seine letzten Körner verheizt. Es fehlt einfach die Nahrung als Brennstoff für diese krasse Leistung. Nach 10 Tagen hat der Körper nicht mehr viel zuzusetzen. Diesmal bin ich es, die ihm gut zuredet, wartet, ihn mit Gel und Elektrolytlösung aufzupäppeln versucht…


Seltener Anblick: Christian HINTER mir, völlig entkräftet und vom Rad Foxy in der Vertikalen gehalten...

Die Landschaft wird immer lieblicher und erinnert an ein wildes Alpen-Tal. Apple und ich sind voll in unserem Element, nur aus dem Augenwinkel registriere ich, wie Christian immer weiter zurückfällt. An der nächsten Kehre warte ich, bis er wieder ins Blickfeld rückt. Ich wedel mit den Armen, ob alles okay ist? Christian winkt enthusiastisch zurück. Na gut, also fahre ich weiter und stoppe erst eine viertel Stunde später hinter einem großen Felsen, der als erstes etwas Schutz vor dem heftigen Wind bietet. Nach einer Weile erscheint Christian, schnaufend und fluchend und wirft sein Rad Foxy ins Gras. Völlig erschöpft legt er mir gaaanz leicht gereizt dar, dass seine Arm-Gesten keinesfalls „Weiterfahren“ sondern „Ich bin völlig am Ende und will aufgeben!“ bedeuten sollten! Oups. Naja, einfühlsam streichele ich seinen Kopf in meinem Schoß, und argumentiere, dass es sich jetzt, wo er schon so viele Höhenmeter gemacht hat es sich auch nicht mehr lohnen würde, aufzugeben und zurückzufahren. Zum Glück sieht er es ein. So sitzen wir nach einer kleinen Pause und Koffein-Gel (mit Apple-Geschmack!) wieder im Sattel und kämpfen uns tapfer diesen herrlichen, imposanten Pass hoch.

Währenddessen scheint mir die Sonne aus dem A... :-D

Insgesamt 3000 Höhenmeter auf 40 km haben wir hier zu bewältigen! Es geht auf 3950 Meter Höhe. Um uns herum sind irgendwann nur noch schneebedeckte Steilhänge, der Himmel wird bedrohlich dunkel, der Wind nimmt weiter zu (zum Glück einigermaßen von hinten ;-) Da entdecken wir ein Zeltcamp auf einer Wiese kurz vor der Passhöhe. Ein paar Touristen winken uns zu sich. Es ist eine Wandergruppe, deren Material angenehmerweise von Packpferden hier hoch geschleppt wurde. In dem großen Küchenzelt werden wird mit Tee und Keksen aufgepäppelt. Besonders ein holländisches Pärchen ist völlig begeistert von uns. Angesichts der pechschwarzen Wolke, die so schnell näherrückt, wie der Schatten eines Flugzeuges, sind wir kurz versucht, uns in dem gemütlichen Küchenzelt einzuquartieren. Doch der Pass ist fast greifbar, und eigentlich müssen wir ganz schnell zusehen, dass wir unsere Hintern dort rüberkriegen und noch einige Tiefenmeter fahren, bevor es stockdunkel und eisig kalt wird. Also lassen wir uns von der Wolkenfront anspornen und schaffen es auch, nur ein paar Hagelkörner abzubekommen, bevor die Wolke an irgendeinem Gipfel hängenbleibt.


Gestärkt mit Tee und Keksen kann auch Christian wieder lachen

Gut, denn nun ist’s auch vorbei mit davon-sprinten. Der steile, grobe Schotterweg ist schneebedeckt und eisig, an Fahren nicht zu denken. Unter den Klängen von Eminem („ ´Till I collapse“ ;-) pushe ich Apple und mich die letzten 200 Höhenmeter durch den Schneematsch. Wir schauen nicht schlecht, als uns ganz oben ein einsamer Radfahrer entgegenkommt, sind aber irgendwie auch zu entrückt, um uns irgendwie zu unterhalten…


'Till I collapse

Die Sonne geht unter und wir haben nur im Kopf, so schnell wie möglich in etwas tiefere, geschützte Gefilde zu kommen. In voller Montur schlittern wir bergab. Es ist so vereist, dass ich neben Apple herjogge, beide Bremsen im Anschlag. Ich habe Angst, im Zwielicht auf der gefrorenen Matsche einen Flip (und damit auch Flop…) zu machen. Langsam wird es etwas weniger steil, und wir rasen frierend talabwärts. Bis wir mit quietschenden Bremsen an einem rauschenden Fluss zum Stehen kommen. Die Brücke ist komplett weggespült…schhhhh…ön wäre es jetzt, ein Pferd zu haben! Die Füße sind bereits so kalt, der Kopf schon zu Shut-Down, dass Schuhe An- und Ausziehen auch nicht mehr in Frage kommt. Wir versuchen im Stockdunkeln unser Glück, wie vorher durch unzählige Flüsse, hindurchzufahren. Doch dieser ist tiefer und voller dicker Steine. An einem bleibe ich hängen und muss mich mit dem linken Fuß abstützen. Christian schafft es irgendwie. Ich ziehe mir eine Plastiktüte über die klatschnassen Socken. Während Christian noch mit seinen Überschuhen kämpft, rolle ich weiter…Nichts erscheint mir gerade schlimmer, als stehenzubleiben, ich bin im Überlebensmodus. Irgendwo rieche ich Feuer. Ich denke, JAAA, eine Jurte wäre jetzt die Rettung! Und schon sehe ich den Schein einer Taschenlampe schwenken und höre Rufe! Juhu, sie haben mich gesehen, erleichtert zweige ich ab und rolle durch den Schnee auf die Jurte zu. Es ist stockdunkel, ich blicke mich immer wieder nach Christian um, der doch sicher diesen einzigen Lichtschein weit und breit (meine Lampe, den immer noch wedelnden Jurtenbesitzer mit der Taschenlampe), sehen müsste? Da, endlich, wir rufen laut, als wir Christians Lichtschein näherkommen sehen. Er bremst ab. Alles klar, denke ich, er hat uns gesehen und schiebt sicher nun sein Rad durch den Schnee zu uns. Doch als ich das nächste Mal von meiner Packtasche aufblicke, ist sein Lichtschein weg! Das gibt’s doch nicht, er ist vorbeigefahren! Und jetzt? Ich habe meine Taschen schon abgemacht, müsste außerdem ein ganzes Stück durch den Schnee zurückstapfen, bis ich wieder auf dem Weg wäre, und hätte dadurch keine Chance, Christian bergab auch nur ansatzweise einzuholen. Meine Taschen will ich hier nicht einfach zurücklassen, sie wieder festzuzurren dauert eine Weile – mit meinen gefrorenen Fingern fast unmöglich! Neben mir redet der gastfreundliche Mann auf mich ein. Und so hoffe ich einfach, dass Christian es schnell checkt und zurückkommt! Er muss doch meine Spuren im Schnee gesehen haben? Unsere Lichter und Rufe? Doch ich bin auch von der Höhe, Kälte und Anstrengung so weich in der Birne, ich weiß einfach nicht, was ich machen soll, will nicht unhöflich gegenüber der rettenden Einladung sein und verschwinde dankbar in der Jurte. Sofort werde ich von einer ganzen Schar umzingelt, meine nassen Schuhe und Socken unter den Ofen gestopft, der mit einer frischen Ladung Kuh-Mist angefeuert wird. In Nullkommanix halte ich eine heiße Schale Tee in den Händen und fühle mich mit jedem Zeh, der wieder auftaut, allmählich wieder lebendig. Doch Christian taucht einfach nicht auf! Während wir Tee trinken und ein bisschen plaudern, wächst in mir Sorge und schlechtes Gewissen, dass der Arme mich da draußen sucht…doch mit jeder Minute die vergeht, erscheint es mir sinnloser, hinterherzufahren. Wenn ich ihn nicht finde, hätte ich nicht mal ein Tarp als Schutz in der Nacht, vom Camping-Kocher gar nicht zu reden… Mit dem Gefühl, gerade richtig Glück gehabt zu haben, dass ich von dieser netten Familie gerettet wurde, versuche ich meine Sorge um Christian zu unterdrücken…immerhin hat er die beiden letzten Nächte ja auch allein draußen geschlafen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in Wirklichkeit wahrscheinlich eine halbe Stunde, höre ich endlich Rufe! Begeistert ruft die halbe Familie: Chris! Ich bin so dankbar und erleichtert, als er schimpfend und fluchend seinen Kopf durch die Tür steckt! Zwar werde ich erstmal zusammengefaltet, weil er sich natürlich größte Sorgen um mich gemacht hat, und außerdem 200 Höhenmeter umsonst wieder zurückfahren musste – aber dafür ist ihm jetzt auch einigermaßen warm ;-)


Am höchsten Punkt der Strecke, dem Tosor-Pass!

Nach anfänglicher Schüchternheit tauen auch die 3 Kids auf, für die wir natürlich die Attraktion des Jahrhunderts sind. In Anbetracht der vielen dunklen, kalten Abende ohne Fernseher, Bücher, Spiele, saugen sie alles Neue auf, was sie aus uns rausquetschen können. Besonders das 11-jährige Mädchen kann ziemlich gut Englisch und interviewt mich mit Hilfe ihres Englisch-Kirgisisch Bilderbuches. Nachdem sie verkündet hat, dass sie „Doctor!“ werden will, und ich sage, dass ich auch „Doctor“ bin (leider gab es kein Bildchen mit Übersetzung für Psychotherapeut, aber das hätte wohl ohnehin ganz neue Fragen aufgeworfen…), liegt sie mir noch mehr zu Füßen. Sie studiert die Fotos aus Deutschland, die wir auf dem Handy zeigen und geht das ganze Buch mit mir durch, sodass ich bald die Anzahl der Schafe (600), Kühe (77), Pferde (7), Hunde (3) und Esel (Eduardo) kenne, welche die Familie besitzt. Im Oktober ziehen sie ins Tal um, da hier „very cold“ und „much much snow“ ist. Alles, was die Familie besitzt, befindet sich in der Jurte. Und das ist nicht viel! Die Klamotten, die am Leib sind, dazu Gummistiefel und ein wärmerer Mantel, die Kleine hat einen Schulranzen, was mich vermuten lässt, dass sie im Winter im Tal zur Schule geht. Wir futtern Kekse, bis es irgendwann an der Zeit ist, zu schlafen. Der niedrige Tisch wird zur Seite geräumt, dahinter kommt auch der 80-jährige Opa zum Vorschein. Dieser ist fast blind und taub, wird aber sehr respektvoll versorgt, lächelt ein zahnloses Lächeln und wird unter ein paar Schichten schwerer Wolldecken eingepackt. Unter großen Augen der Kinder blasen wir unsere Isomatten auf. Besonders angetan hat es den Kids mein Schlafsack, der so unglaublich leicht ist. Zweifelnd fragt die Mama uns mehrmals, ob das denn wohl warm genug ist und wedelt mit ein paar Zusatzdecken. „No no, it’s okay!“ Ich zeige stolz auf die Gans in dem Bilderbuch. Am liebsten würde die Tochter wohl mit hineinkriechen. Doch erstmal melde ich mit „Toilet“ ein anderes Bedürfnis an. Freudestrahlend zieht sie mich nach draußen, in den Gummistiefeln des Vaters folge ich ihr durch den Schnee. Der Vollmond strahlt mit den zum Greifen nahen Sternen um die Wette, der Schnee glitzert, und die Schäferhunde folgen mit gespitzten Ohren unseren Bewegungen. Nur ein paar Meter, da sind wir bei einem tiefen Loch im Boden angekommen. Besser, als diese dreckverschmierten Pseudo-Toiletten... Wie zwei Lämmchen hocken wir uns in den Schnee, Privatsphäre wird hier ganz klein geschrieben - ist mir gerade aber sowas von egal.


Auch als wir alle unter unseren Decken verschwinden, kuscheln wir uns wie die Schafherde draußen eng aneinander. Mit 10 Mann liegen wir um den Ofen, der von den weiterhin Wodka-trinkenden Männern nochmal ordentlich angeheizt wird. Dann wird die matte Solar-Glühbirne gelöscht und ich versinke in einen glücklichen Schlaf. Ich glaube, diese Wonne kann nur jemand nachvollziehen, der sich schonmal in einer halbwegs lebensbedrohlichen Extremsituation befunden hat und dann von einer ganzen Horde Schutzengel gerettet wurde…

Selten so gut geschlafen!

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