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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 10

Nach Regen kommt Sonnenschein

Die Fotos stammen von Christian, der 2 Tage völlig entfesselt durch einen besonders schwierigen Teil der Strecke raste. Währenddessen kurierte ich meinen Darminfekt aus und plante mein Comeback ;-)

Noch eine erholsame Nacht im 4**** Hotel, und als ich am nächsten Morgen mein Mountainbike Apple belade und die 800 Meter zum Hotel der anderen fahre, würde ich am liebsten direkt wieder durchstarten! Klar, die Beine fühlen sich noch an, wie mit zu warm gewordenem Snickers gefüllt (stimmt ja auch…), aber der Kopf ist schon wieder im Rennen.

Christian's Nachtlager, während ich mich im viel zu großen Hotelbett ziemlich einsam fühle...

Die anderen 3, die ihre Räder zu Apple auf die Ladefläche des Kleinlasters hieven, sind weiterhin in Bierlaune. Erstmal ins Hotel am Issy-Kul See, dann mal weiterschauen. Alles klar, die restlichen 30-40km entlang des Sees zum Checkpoint 3 kann ich mit dem Rad fahren und irgendwann abends müsste Christian dort aufschlagen. Ich habe nur etwas Angst, dass er den neuen „Solo-Modus“ bereits so liebgewonnen hat, dass er lieber sein eigenes Rennen durchziehen und sich nicht von mir ausbremsen lassen will… Aber Hauptsache, erstmal wiedersehen und dann gemeinsam beratschlagen, wie es weitergehen könnte.


Als wir am Seeufer ankommen und ich die anderen drei zu deren Hotel bringe (im Hinterkopf will ich mir noch die Option offenhalten, auch dorthin zurückzukehren) kommt mein fester Entschluss weiterzufahren beträchtlich ins Wanken. Es ist mit Abstand der schönste zivilisierte Ort, den ich im ganzen Land gesehen habe. Der Garten ist voller Blumen – man muss wissen, dass es in ganz Kirgistan ansonsten kaum eine Handvoll Blumen, und dabei schließe ich Gänseblümchen und ähnliches ein, gibt. Entweder haben die Leute anderes zu tun, als sich mit etwas so Nutzlosem, weil einfach nur Schönem, zu umgeben. Oder aber es ist im Winter mit minus 40 Grad einfach so kalt, dass nichts überlebt. Der Garten des Hotels jedoch erscheint mir wie das Paradies auf Erden und ich esse mir den Bauch voll mit Aprikosen, die ich direkt vom Baum pflücke. Meine Nase steckt in einer Rose, die so gut riecht wie – naja, jedenfalls besser als ALLES ANDERE, was ich in den letzten 10 Tagen gerochen habe!

Blick zurück auf den "Weg"

Nach einem Tee im idyllischen Gartenhäuschen fahre ich eigentlich nur weiter, um vor den anderen mein Gesicht zu wahren und nicht wie ein Weichei dazustehen, nachdem ich meine Pläne rausposaunt habe, mit Christian wieder ins Rennen einzusteigen…


Blick nach vorn: Stau

Kurze Zeit später finde ich mich also wieder auf der staubigen Straße wieder und bin glücklich, als von hinten ein Tourenradler-Pärchen zu mir aufschließt. Die beiden hatte ich ein paar Stunden zuvor schon vom Taxi aus gesehen. Sie hatten natürlich schon etwas von dem Rennen mitgekriegt und quetschen mich neugierig aus. Es tut so gut, mit völlig normalen Menschen zu sprechen! Zwei Abenteuerlustige, die sich einfach irgendwelche Mountainbikes in der Hauptstadt geliehen und damit als Erstes einfach mal den Kergeti-Pass hochgefahren sind! Das war der Pass am 1./2. Tag, der uns richtig gut gefordert und einige der erfahrensten Extrem-Radler der Welt bereits aus dem Rennen geworfen hatte! Und die beiden hatten eine Vorbereitung, die sich darauf beschränkte, mit dem Holland-Rad durch Amsterdam, ihre Heimatstadt, zu cruisen! Genial, so viel Unbeschwertheit, Mut und Lockerheit tun mir richtig gut! David kommt aus Paderborn und hatte keinen Bock mehr auf Ostwestfalen (kann man’s ihm verübeln?). In Amsterdam hat er dann Stephanie aus Irland kennengelernt, die wegen der hohen Arbeitslosigkeit dort einen Job in Holland angenommen hat.

Wir sind im gleichen Alter und verstehen uns auf Anhieb, ich sauge Stephanies irische Non-Chalance auf wie ein Brauerpferd einen Eimer Guiness! Als wir in dem kleinen Ort mit Checkpoint 3 ankommen, werden erstmal alle 5 Mini-Shops nach Wein und Vodka abgeklappert. Statt Snickers gibt es zur Feier des Tages Bounty zum Abendbrot und Eis! Im schönsten Sonnenuntergang stehen wir mit den Füßen im zweitgrößten Salzwassersee der Welt, kristallklar und in die schillernsten Farben getaucht, Feiern das Leben und trinken Wodka/Wein (ja, gemischt!) aus Campingbechern. Solche Momente finden IM RENNEN natürlich nicht statt, und so finde ich langsam meinen Frieden mit meinem offiziellen Ausscheiden. Die beiden Tage und vor allem die Menschen haben mir sehr dabei geholfen, mental wieder aufzuladen.

Nur mühsam reiße ich mich los und kehre in den Mikrokosmos des Rennens zurück. Das Guesthouse ist völlig belagert mit Fahrern, Helfern, den Organisatoren, völlig verdreckten Bikes, miefenden Klamotten an Wäscheleinen im Innenhof zwischen einer Jurte und einem Schuppen, wo die Oma des Hauses wohnt. Puh, bei dem Anblick bin ich wieder hin- und hergerissen, welche Rolle habe ich eigentlich noch, wie soll es weitergehen? Aber alle sind supernett, und als der Mitorganisator Jeff mich fragt, ob ich wieder mit dabei bin, fällt innerlich der Groschen. Zwar zögert noch mein Äußeres, denn wie fit bin ich wirklich schon wieder, kann ich mit Christian mithalten, will ich wirklich 20km lang mein Fahrrad über den Shamsi-Pass tragen/schieben? Doch in meinem Inneren werde ich von der Dynamik des Rennens mitgerissen, alles, was wir dafür getan haben, wieder mit Christian vereint zu sein, das Ziel zu erreichen, für das ich so unglaublich viel gegeben habe.

Christians GPS-Point nähert sich in rasender Geschwindigkeit dem Checkpoint, und die Wiedersehensfreude ist groß, als ich ihn an der dunklen Hauptstraße empfange! Wir wussten ja nicht, wann wir uns wiedersehen würden, als wir uns vor 2 Tagen getrennt haben, und es gibt keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten. Ich bin unheimlich stolz auf ihn, denn dieses Teilstück hat er wahnsinnig schnell und fokussiert gemeistert. Der Anabel-Pass, die sumpfige Hochebene, wo er stundenlang durch den Matsch schieben und den Weg erraten musste. Ständiger Wechsel zwischen brütender Sonne und eisigem Regen, und eine haarsträubende Abfahrt über loses Geröll (und eine Schafblockade). Ich hatte ihm schon vegetarisches Essen vorbestellt, und nach Nudelsuppe und einer heißen Dusche machen wir es uns auf zwei provisorischen Feldbetten bequem. Wir beschließen, am nächsten Morgen erstmal bis zum Abzweig zum nächsten Pass zusammen zu fahren, also das gleiche Stück, wie ich heute hier hin gefahren war, und was wirklich easy ist. Dann wollen wir mal schauen, wie es fahrerisch so läuft…

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