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  • Anja Marwitz

Silk Road Mountain Race Tag 1

Aktualisiert: 21. März 2019

Let the Games Begin



Am Morgen des 18.8. haben sich also knapp 100 Fahrer, bis zu den Zähnen bewaffnet mit Energyriegeln, Proteinshakes und Trockennahrung, am Eingang des Botanischen Gartens der kirgisischen Hauptstadt Bishkek versammelt. Vorfreude, aber auch Respekt vor der großen, kaum fassbaren Aufgabe, die da vor uns liegt, bestimmen die Atmosphäre. Während wir die Zeit zwischen objektiver und kirgisischer Zeitrechnung überbrücken, quatschen wir mit den anderen Startern. Ausnahmslos jeder hier weiß wirklich, was er tut. Der ein oder andere ist bis vor 10 Tagen noch beim Transcontinental Race von Belgien nach Griechenland unterwegs gewesen. Viele haben schon das Great Divide Race von Kanada nach Mexiko durch die Rockies unter ihren Reifen gehabt. Zimmernachbar Marcel hat in diesem Jahr schon 90.000 Höhenmeter „geloggt“ – 10 mal auf den Mount Everest! Wir alle sind fest davon überzeugt, das Rennen zu rocken!

Relativ unspektakulär geht es dann los – endlich treten! Zwei unscheinbare Polizeiautos nehmen uns zwischen sich, was genau 3 Minuten gut geht, dann ziehen auf der 2-spurigen Ausfallstraße die uralten Transporter (gerne mit Aufschrift: „Straßenbau NRW“ oder „Schadstoffmobil“) eiskalt zwischen die Fahrer, und spätestens an der ersten roten Ampel hat sich dann die Idee „Korso als neutralisierter Start“ auch schon erledigt.


Zum Glück fährt unsereins nicht um den Sieg, sondern kann sich erstmal ganz gemütlich mit zwei jungen Hamburgern unterhalten, die schon gemeinsam ein Rennen quer durchJapan (Japanese Odyssee) gefahren sind und deren Großteil an Gepäck aus Film- und Fotoausrüstung besteht, da sie Fotograph bzw. Filmemacher sind. Ich bin froh, mir wenigstens diese Last sparen zu können, und vorläufig genüsslich rollen wir auf vorläufig glatten Asphalt über vorläufig sanfte Hügel und gönnen uns am vorläufig letztem Mini-Shop das vorläufig letzte Eis.


Fast wie am Gardasee :-)

Doch bald darauf trennt sich die Spreu vom Weizen. Der Anstieg zum Kergeti-Pass beginnt hinter einer alten Schranke mit einem Schild, auf welchem wir nur die Zahlen „3840“ identifizieren können. Manchmal ist Unwissenheit ja auch nicht so verkehrt, eventuelle Warnungen vor Schneeleoparden, dünner Luft, schlechter Wegstrecke, Schneestürmen und Gewittern verschwinden hinter den kyrillischen Buchstaben.


Insofern fahren wir alle frohgemut in den Anstieg, freuen uns über rauschende Flüsse, winkende Kindern (viele Stadt-Familien machen einen Wochenendausflug in die Berge) und den ersten Pass (wenn wir wüssten…)

Nun machen sich unser leichtes Gepäck, die mädchenhafte Berg-Übersetzung unserer Räder und die vielen Höhenmeter im Training bezahlt. Geschmeidig ziehen wir an dem ein oder anderen vorbei und können auch noch bequem fahren, wenn die meisten anderen schon schieben. Habe ich schon erwähnt, dass ich Schieben hasse? Ihr solltet Euch daran gewöhnen, denn dies ist erst Tag 1 ;-)

Unsere Laune ist ungetrübt, bis wir die dunklen, aufkommenden Gewitterwolken und das beunruhigende Grollen nicht mehr ignorieren können. Alle Versuche, sich einzureden, dass dieses Unwetter irgendwie doch noch vorbeiziehen könnte, werden durch die ersten fallenden Tropfen zunichte gemacht.

Im wehenden Sturm werden die Regenklamotten übergeworfen. An dieser Stelle werde ich von Christian genötigt, mich für dessen Vehemenz, meine Regenhose einzupacken, dankbar zu erweisen. *grummel*ICH VERDANKE DIR MEIN LEBEN*grummel*


Angesichts des aufziehenden Gewitters würde Christian wohl gerne sein Trikot an den Nagel hängen ;-)

Die Temperatur fällt innerhalb weniger Minuten von 16 Grad auf 4 Grad. Zu allem Übel zucken die Blitze nun direkt über uns und nichts in Sicht, um Schutz zu suchen…Da winkt uns ein Mitfahrer aus dem Graben zu sich. Welch geniale Idee, er hat sich in einem Kanalrohr unter der Straße versteckt, durch welchen im Frühjahr die Wassermassen hindurchfließen, doch jetzt ist alles trocken. Zu dritt hocken wir zusammengefaltet in der Röhre und mampfen Kekse. Wir überlegen hin und her – es ist erst 17 Uhr, eigentlich wollten wir mindestens über diesen Pass kommen. Doch es sind noch 1000 Höhenmeter, das Gewitter lässt zwar langsam nach, doch wir sind durchnässt, es ist schweinekalt und die Abfahrt vom Pass im Dunkeln erscheint wenig verlockend. Während der Mitfahrer weiterfährt, rollen wir also unsere Isomatten in der Röhre vor und hinter einem undefinierten Tierskelett (oder ein argloser Radfahrer?!) aus und werfen den Campingkocher an. Die Spaghetti Soja-Bolognese können mich jedoch nicht so richtig über die Erkenntnis hinwegtäuschen, dass dieses Rennen noch die ein oder andere Herausforderung für uns bereithalten könnte…


"Ein Licht am anderen Ende des Tunnels" - ach ne, das bin ja ich ;-)

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