Suche
  • Anja Marwitz

Tag 3 Italy Divide

Toskana vom Feinsten


Als um 4 Uhr morgens der Wecker klingelt, fühle ich mich wie eine Ladung Tagliatelle nach einer Begegnung mit der Nudelmaschine: ziemlich platt und verwurschtelt. Die italienischen Mitfahrer gehen mir auf die Nerven, unterhalten sich um diese Uhrzeit lautstark und pinkeln in die Klosterbüsche. Der Katholizismus ist auch nicht mehr, was er mal war… Dazu ist es a…kalt. Somit bin ich froh, als ich wieder auf dem Rad sitze und mir im ersten knackigen Anstieg auch langsam wieder warm wird. Nebelschwaden schweben in der Morgendämmerung, und ich muss zwei Mal gucken, als ich eine Gestalt am Wegesrand erblicke. Da sitzt mitten im Nebel ein Mitfahrer auf einem Stein, die Arme auf dem Fahrradlenker verschränkt und pennt! Ein Bild für die Götter! Leider wacht der Typ auf, als ich gerade mein Handy zücken will ;-)


Göttlich erscheint uns dann auch die Bar im nächsten Ort. Der Kaffeeduft hat schon ein Dutzend Radler angelockt, die Einheimischen werfen uns neugierige bis mitleidige Blicke zu. Wir bestellen 2 mal nach, so lecker mundet gerade der Kaffee und die knusprigen Teilchen, die der Bäcker frisch angeliefert hat. Auf dem Klo noch schnell Zähne geputzt und mit Sonnencreme eingeschmiert, schon bin ich nach einem Stündchen Pause bereit für neue Schandtaten :-)



Statt Schandtaten warten dann aber eher Schundtaten, denn an den steilen Anstiegen zu den unzähligen Bergdörfern der Toscana rauf glühen nun die Oberschenkel. Doch mit den entsprechenden BPM-Werten in der Bike-Playlist auf den Ohren alles machbar. So geht es munter auf und ab, unterbrochen nur von dem ein oder anderen Espresso/Gelato.



Doch ursplötzlich biegen wir in einen schmalen Wanderweg entlang eines plätschernden Baches ab. Idyllisch! Doch der Schein trügt. Nach einer glitschigen Abfahrt landen wir in einem sumpfigen Wald, der an Vietnam erinnert. Schon kriechen wir mit den schweren Bikes (statt Marschgepäck und Maschinengewehr) unter irgendwelchen Baumstämmen hindurch, den Hintern im muffigen Morast. Kriechen auf allen Vieren (2 Füße, 2 Räder) steile Abhänge hoch und runter, zwischendurch Slalom durch enge, moosbewucherte Felsen. Nur um dann wieder uns selbst und die inzwischen 5 Kilo schwereren Räder (Schlamm…) über den nächsten Baumstamm zu werfen. So ähnlich muss es bei diesen Hindernisläufen zugehen, auf die ich wirklich absolut nie Lust verspürt habe. Zurecht, wie mir nun bestätigt wird. Doch irgendwann sind wir raus aus der grünen Hölle und haben uns erstmal eine Pizza verdient.



Die Pizzen sind natürlich das Allerbeste. Naja, zumindest neben dem leckeren Kaffee, den es überall für 1 bis 1,50 Euro gibt. Während wir uns den knusprigen Teigfladen einverleiben, biegt ein anderer verschlammter und bepackter Mountainbiker auf die Piazza ab. Während wir mit Markus aus Österreich gemeinsam schmausen und über „Klein Vietnam“ schimpfen, füllen wir die Trinkflaschen am Dorfbrunnen auf, schmieren dick Sonnencreme nach, blockieren für eine Viertelstunde die Toilette, trinken noch schnell einen zweiten Espresso – eine ganz normale „Pause“ beim Bikepacking eben. Vor lauter Effizienz vergesse ich allerdings, zu verdauen. So werden die nächsten Anstiege irgendwie zäh, was sich erst nach einem kleinen Power-Nap legt.


Cappuccino-Straße? Ich bin am Ziel!

Die Straßen sind jetzt super, wenig Verkehr, jede Menge Zypressen, genau so haben wir uns das vorgestellt und machen ordentlich Meter. Während ich mich an meinem Triathlon-Auflieger festklammere, klebt mir Christian am Hinterrad und wir fliegen mit 35 km/h durch die traumhafte Landschaft. Die neuen Laufräder mit den Tubeless-Reifen rollen sowas von gut!



Die Stunden fliegen genauso schnell vorbei wie die Landschaft, und nach einer Bilderbuch-Abfahrt in den Sonnenuntergang entdecken wir plötzlich im Halbdunkeln ein Riesen-Plakat an der Straße: „Italy Divide“. Dahinter in Leuchtschrift: „BAR“. Heureka!


Der Wirt ist genauso begeistert wie wir, als wir im etwas entrückten Zustand den Laden betreten und aus den vielen Auslagen mit Chips, Cola, Snickers, Eis und Focaccia jeweils eine Handvoll nehmen. Während wir mampfend an der Bar stehen und das Ganze mit einem schönen Sundowner-Espresso runterspülen, werden wir auf Italenglisch über unsere Heldentaten ausgequetscht. Wir: „You also ride bici?“ Wirt: „Si si! But not distancia grande…“ Darauf die Kellnerin: „No, only from house to Bar.“

Wir werden noch von allen Seiten abgelichtet und hängen jetzt wahrscheinlich als Foto hinter der Theke. Wohin es heute noch geht? „Radicchio!“ Verdutzte Gesichter. Dann: „Aaaaah, RADICOFANI?“ Ach ja, genau das mein ich doch…



Davor wartet noch ein richtig gepfefferter langer und steiler Anstieg, doch wir sind voller Motivation nach dem herzlichen Empfang. Die Altstadt von Radi-Dingsbums ist malerisch, das Kloster und die Kirche werden romantisch angestrahlt, während vor den Restaurants noch Horden von Italienern Rotwein schlürfen. Weil Feiertag, Wochenende, gutes Wetter und überhaupt ist, sind die beiden Hotels im Ort leider ausgebucht. Doch direkt hinter der Stadtmauer finden wir ein kleines Kiefernwäldchen mit herrlicher Wiese darunter, und schon liegen die Biwaksäcke geschützt und weich im Gras und wir darin. Zwischen den Baumkronen funkeln die Sterne, und wir fallen in einen stein-artigen Schlaf.


Immer das nächste Bergdorf im Blick.

0 Ansichten

©2019 by wildwildwheels. Proudly created with Wix.com