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  • Anja Marwitz

Flandernrundfahrt

Einmal in „de Ronde“ fahren


Was gibt es Besseres, als sich irgendwie über den langen, nasskalten Winter hindurch zu motivieren, als ein überdimensioniertes, angsteinflößendes frühes Saisonziel? Eben! Perfekt geeignet erschien uns dafür die „Flandernrundfahrt“ (belgisch: Ronde van Vlaanderen). Einer der berühmten Frühjahrsklassiker, bereits seit 1913 im Portfolio der härtesten Rennradfahrer, die weder Kälte, Wind noch 22%-Anstiege Kopfsteinpflaster scheuen! 229km und circa 2000 Höhenmeter. Angsteinflößend genug, oder?

Im Zuge unseren eigens dafür ins Leben gerufenen internen Serie „Collecting Classics“ stand die „Ronde“ also, nach Paris-Roubaix im letzten Jahr, auf dem Programm. Damals war die Quintessenz nach 176km kräftig durchgerüttelt werden auf nicht DIN-gerecht verlegtem Kopfsteinpflaster eigentlich: „Einmal und nie wieder!“ Da jedoch der gesunde Menschenverstand sehr gut im Verdrängen ist, wurde daraus schnell „Yeah, wir sind so hart, total geil, machen wir!“ Mal ganz davon abgesehen, lässt sich natürlich bei der Vereinsausfahrt wunderbar bei jeder kleinsten Kopfsteinpflasterpassage durch die Innenstadt zur Eisdiele großspurig rausposaunen: „Ach, das ist ja GAR NICHTS gegen Roubaix!“ Was auch stimmt, denn schließlich können die Deutschen besser pflastern als seinerzeit Napoleon…

30 km Kopfsteinpflaster in Roubaix letztes Jahr - das kann ja nur besser werden!

Also wurden die Rennräder kürzlich aus dem Winterschlaf geholt, ein kleines bisschen frische Luft auf die Reifen (nicht zuviel, damit es nicht so ruckelt auf dem Kopfsteinpflaster) und der Akku der elektronischen Schaltung aufgeladen. Das Ganze dann zusammen mit jeder Menge Winterklamotten und Energie-Gels in den neuen Campingwagen geladen. Und dann ab ins radsportverrückte Belgien!


Jungfernfahrt für den neuen Fahrradträger

Der Campingplatz lag schön nah zum Start, allerdings roch es im Sanitärgebäude erbärmlich und gab auch nur kaltes Wasser – beste Vorbereitung also für die Strapazen des nächsten Tages!

Im Wohnwagen bereite ich das Carboloading vor, vorm Wohnwagen macht Christian die Räder startklar, denn morgen müssen wir um 5:30 Uhr irgendwie auf’s Radl steigen und losdüsen – da kann es nicht schaden, wenn das Meiste bereits dort ist, wo es hingehört. Dann kommen Beine und Zurechnungsfähigkeit schon irgendwann von allein… Wir helfen allerdings mit jeder Menge Kaffee nach, bevor wir dann durch die nächtliche Großstadt zur Startnummernausgabe rollen.

Dabei stellt sich zunächst folgender Wachheitstest: Wie kommen wir über die Flussmündung der Schelde, die hier bestimmt 500 Meter breit ist, ohne durch den Autobahntunnel zu müssen? Nach einigem Hin und Her entdeckt Christian einen Fußgängertunnel, und so geht es mit den Rädern auf der Rolltreppe erstmal ganz tief runter, auf die andere Seite radeln und dann die ersten Höhenmeter des Tages wieder mit Rolltreppe ins Freie. Durch den Tunnel zieht sich bereits eine Kolonne an Rennradlern, bis über die Zähne bewaffnet mit Carbon, floureszierender Funktionskleidung und Energiegels. Wir müssen noch einmal durch die Altstadt gondeln und die Startnummern holen, dann rollen wir direkt zum Start. Dieser ist zwischen 7 und 8 Uhr freigegeben, so dass alle einfach irgendwann losfahren. Das ist auch gut so, denn bei 16.000 Startern insgesamt wäre es sonst zu eng. Doch auch so stehen wir nach 300 Metern erstmal an einem 1 Meter breitem Baustellenübergang, der uns dann direkt in den besagten Autobahntunnel führt… Bis wir jedoch dort reinrollen, vergehen nochmal 10 Minuten Wartezeit, bis der Andrang durchs Nadelöhr gelotst ist… Ob die Profis am nächsten Tag auch erstmal Schlange stehen, oder ob es einen Sprint auf den ersten 300 Metern gibt, damit man ohne Stau hier durchkommt?

Es geht sehr eng weiter, alle Fahrer sind angespannt, man muss sich höllisch konzentrieren, um nicht zusammenzustoßen. Zunächst fahren wir durch zahlreiche Vororte von Antwerpen. Auto- und Radfahrer scheren sich nicht großartig angesichts des riesigen Pulks an Teilnehmern und erledigen ihre Samstagseinkäufe ungestört. Da kann man sich natürlich irgendwie zwischen zwei Grüppchen drängen, um 10 Meter weiterzukommen, oder auf einer einspurigen Straße mit dem Rad in die Gegenrichtung fahren und hoffen, dass das Peloton sich spaltet wie einst das Rote Meer bei Moses… Vor lauter Aufpassen und Kolonne fahren ist die erste Verpflegung nach 70 km gefühlt wie im Nu erreicht. Da ich noch mit allem schwer bepackt bin, will ich eigentlich vorbeifahren, aber das gibt’s hier nicht. Wie die Schäfchen werden wir durch eine enge Gasse geschleust, friss oder stirb. Wie kommen wir denn hier wieder raus? Anke und ich werfen uns verzweifelte Blicke zu, aber die Hundertschaften um uns rum scheinen alle in der Kloschlange zu stehen. Irgendwann haben wir es quer über eine Wiese geschafft, dem Spuk zu entkommen, und rollen weiter.

Wieder enge Straßen durch Ortschaften und Städte, und immer wieder: Anhalten und Warten… Ein Traktorfahrer inklusive riesigem Güllewagen hat sich genialerweise quer über einen Feldweg gestellt, daneben ein SUV. Dazwischen: Platz für gerade mal einen Radfahrer zur Zeit. Wie war das mit den radsportverrückten Belgiern? Anke würde am liebsten umdrehen, doch würde sie damit nicht gerade zur Freude des überdimensionierten Pelotons beitragen…also Weiterrollen!


Doch je näher wir den interessanten Passagen kommen (die ersten 100 km sind nur flach und damit höchstens zum Aufwärmen geeignet…), desto mehr Spaß macht es! Überall stehen Zuschauer, die Straßen sind mit gelben Fahnen mit dem Flandern-Löwen geschmückt, und ich habe meinen hellen Spaß daran, unter den Jubelstürmen der Zuschauer in jedem Anstieg die Jungs zu überholen! Die Waffen einer Frau: eine von Neidern auch gerne als „Pizzateller“ bezeichnetes großes Ritzel an meiner extra Mountainbike-Kassette. Mit diesen "Oma"-Gängen sehe ich auch noch bei 20% Steigung richtig gut aus und mache Faxen mit den Zuschauern, während die Männer mit hochrotem Kopf völlig düpiert in den Straßengraben kippen, weil sie vorm Stillstand nicht schnell genug aus den Klickpedalen kommen. So macht Radfahren Spaß! Somit zieht sich auch endlich das Feld weiter auseinander… Oder lasse ich alle hinter mir? ;-)

Auch die Sonne kommt raus und die Strecke ist jetzt wirklich schön. Es geht über grüne Hügel, die Obstbäume blühen…herrlich! Doch dann: RATTER-RATTER-RATTER! Die erste Kopfsteinpflasterpassage, zapperlot! Mein supersteifes Radl „The Knife“ mit den sündhaft teuren Carbonrädern wimmert auf, während ich langsam rechts ran fahre und versuche, das Elend heil hinter mich zu bringen. Währenddessen düsen alle, die ich hinter mir gelassen habe, natürlich Fullspeed an mir vorbei. Verkrampft halte ich mich in einer besonders holprigen Abfahrt am Lenker fest, als eine meiner Trinkflaschen sich losschüttelt und vor die Füße eines Zuschauers zu den Dutzend anderen bereits verlorenen Exemplaren rollt… Am Ende der Abfahrt geh ich aus der Schusslinie und laufe dem netten Zuschauer entgegen, der mir prompt die richtige Flasche (12 Euro! Farblich perfekt abgestimmt und nagelneu!) reicht. Halleluljah, so schön ist Belgien!

An der nächsten Verpflegungsstelle werden die Flaschen dann wieder frisch mit Iso beschwert, damit das so schnell nicht wieder passiert… Dazu eine leckere Belgische Waffel und ein paar Gels in die Trikottasche, um den Vorrat wieder aufzufüllen. Man kann sich ja über den Geschmack streiten, aber im Wettkampf, das heißt auf Hochtouren, ist das Zeug einfach genial: seit Stunden auf dem Renner und die Maschine (also meine Beine…) läuft, ohne etwas Nennenswertes gegessen zu haben. Aber außerhalb eines Rennens dann doch lieber beim Bäcker nachlegen, denke ich und blicke seufzend einer Passantin mit ein paar Baguettes unterm Arm nach…

Nun wird es richtig interessant: die berühmte Mauer (Muur) von Geraardsbergen! Viel habe ich schon über diesen berüchtigten Anstieg gelesen, hier haben sich schon so einige Kapitel Radsportgeschichte abgespielt! Deshalb startet auch das Transcontinental Race genau hier: von Geraardsbergen – nach Meteora (Griechenland). Ganz so weit haben wir es heute aber nicht mehr, und ich genieße den Anstieg in vollen Zügen. Die Zuschauer flippen aus: Es gibt eh (leider!) kaum Frauen im Starterfeld, und dann lässt diese die Jungs auch noch im Anstieg wie belgische Kaltblutpferde vorm Brauereiwagen stehen! So habe ich auch trotz der 20% Steigung auf Kopfsteinpflaster ein fettes Grinsen im Gesicht, als ich oben an der berühmten Kapelle ankomme.

Auch die Profis müssen an "de Muur" ganz schön drücken ;-)

Gleich dahinter gibt es wieder Futter, und ich treffe noch kurz Christian, als er gerade losfährt. Bei dem Getümmel macht es wenig Sinn, zusammen zu fahren. Leider warten ständig Gruppen mitten im Weg, die ihre Leute verloren haben und es oft schwer machen, irgendwie durch zu kommen. Manche sind auch so klug, ihr Fahrrad in der einen Hand zu halten, während sie mit der anderen Hand Gummibärchen am Verpflegungsstand in sich hineinschaufeln und damit komplett den Weg blockieren… Es braucht also Geduld, bis man trotz der Tausenden Fahrer irgendwie an die Iso-Nachfüllstation und ein paar Waffeln gekommen ist.

Mit dicken Hamsterbacken voller Honigwaffeln sause ich die lange Abfahrt hinab. Was ich auf dem Kopfsteinpflaster einbüße, hole ich auf vernünftiger Straße bergab wieder auf, denn mein Knife läuft wirklich wie geschmiert. Mehrfach düse ich geduckt an Gruppen vorbei und höre nur „Nice Bike!“-Rufe. Oh ja, wir haben Spaß, auch wenn ich mein armes Velo schon über und über mit Gel und Iso eingesaut habe und alles klebt… Aber so verliere ich wenigstens nicht den Halt bei der nächsten Rüttel-Passage ;-)

Nun geht es von Geraardsbergen ein langweiliges Stück flach irgendwie wieder zurück auf die Zielschleife, definitiv geht die Strecke hier nur lang, weil man ja irgendwie zu und von „der Mauer“ kommen muss. Gegenwind. Weit und breit kein Windschatten. Wo sind denn die ganzen Leute, wenn man sie braucht? Ab und zu kommt eine Gruppe vorbei, doch trotz meiner Bemühungen schaffe ich es nirgends, dran zu bleiben. Der Tempounterschied von ich alleine nach 150 km im Gegenwind zu einer Gruppe Jungs im Windschatten geduckt ist einfach zu groß, auch wenn ich voll in die Pedale trete, sobald mich jemand einholt. So mache ich mich durch ein paar beherzte Anschlussversuche so richtig schön kaputt und fahre frustriert vor mich hin, auf einem Haferriegel kauend, um mich abzulenken. Endlich kommen ein paar Jungs vorbei, bei denen ich mitkomme. Einer von ihnen fährt mit zwei Unterschenkelprothesen. Der Hammer, meinen allergrößten Respekt für seinen Willen!

Auch ein vielleicht 13-jähriger Junge auf einem süßen Kinder-Rennrad erregt meine Aufmerksamkeit. Der Lütte zieht mit seinen vielleicht 40 kg an jedem Anstieg weg und ist der Liebling aller Fans. Der Papa ist auch dabei (und kann noch mithalten). Toll, dass es auch noch Jugendliche gibt, die nicht nur vorm Internet abhängen sondern sich von der Freiheit und Geschwindigkeit auf dem Rennrad vom Sofa holen lassen! Und dann mit dem stolzen Papa bei dieser tollen Wettkampfatmosphäre und begeisterten Zuschauern? Was will man mehr, die Jugend scheint noch nicht verloren!

Einen berühmten Anstieg nach dem anderen nehmen wir unter die Räder: Oude Kwaremont, Koppenberg, Paterberg… Vor dem Koppenberg rolle ich gerade entspannt über einen schönen Radweg, als laute „Let Op!“ Rufe erklingen. Ein klares Zeichen, mal wieder in die Bremsen zu gehen. Hunderte Leute stehen am Fuße eines eigentlich ganz unscheinbaren Hügels. Ein paar Alpakas von der Weide nebenan beobachten gelangweilt kauend den Ansturm. Eine Zehner-Gruppe nach der anderen wird auf den Berg losgelassen, und der hat es in sich: maximal 22% Steigung und richtig fieses Kopfsteinpflaster. Vor mir bildet sich ein Knäuel, wie die Dominosteine kippen die Fahrer um, sobald einer völlig entkräftet ins Schwanken gerät und den Nachbarn bei 3 km/h, die nicht gerade der Spurtreue förderlich sind, umreißt. Schon von Weitem rufe ich „To the side!“ und kurbel unter Applaus nach oben. Der Mitfahrer hinter mir, dem ich den Weg freigefahren habe, schenkt mir ebenfalls anerkennende Worte. Glücklich geht’s danach in eine rasante Abfahrt, zum Glück aus Asphalt ;-)


Notfalls geht's auf allen Vieren weiter am Koppenberg ;-)

Trotz Warnschildern mit „Steile Abfahrt“ und einer engen, unübersichtlichen Straße, ziehen einige Jungs an mir vorbei, während ich Knife vorsichtshalber zügele. Eine gute Idee! Zwei der Überholer fahren in der nächsten Kurve einfach mal geradeaus, überschlagen sich im Straßengraben und bleiben auf dem Acker liegen. Zum Glück stand kein Baum im Weg! Noch 2 weitere Stürze kriege ich direkt mit, plus einige Rettungswagen am Straßenrand, die ich passiere. Ja, dieses Rennen ist wirklich eine Zitterpartie, man muss permanent aufpassen, um nicht mit jemandem zu kollidieren (es ist wirklich unglaublich voll), und die vielen engen Straßen und scharfen Kurven zollen ihren Tribut. Noch vorsichtiger fahre ich weiter, nur noch 2 Hellinge, so werden die kurzen aber heftigen Anstiege genannt, vor mir.

Beim nächsten gibt es sogar einen fetten DJ-Truck und Red Bull! Dieses wird schon langfristig auf Schildern angekündigt und ich freue mich auf einen kleinen Extra-Kick. Doch Enttäuschung! Die bieten das Zeug nur zuckerfrei an! Was macht das denn bitte für einen Sinn, wer will denn nach 200 km irgendetwas ZUCKERFREIES? Nörgelnd kippe ich mir das Zeug trotzdem rein, wenigsten das Koffein haben sie nicht wegrationiert…

Und so fliege ich die letzten 20 km leicht abschüssig auf guter Straße Richtung Ziel. Gerade hänge ich mich an eine Gruppe Franzosen dran, als einer der Jungs einen extralauten Furz ablässt. Er war fälschlicherweise davon ausgegangen, er führe ganz hinten, doch da bin jetzt ich. Ich ziehe an dem Haufen vorbei und rufe: „There are Ladies here!“ was mir schallendes Gelächter und eine peinlich berührte Entschuldigung einbringt.

Auf den letzten Kilometern geben alle nochmal Vollgas. Da Knife so windschnittig ist, führe ich sogar ein paarmal Gruppen an, und genieße es den Jungs zu zeigen, dass auch Frauen ordentlich Radfahren können. Sogar den Zielsprint kann ich für mich entscheiden, allerdings wäre es eventuell denkbar, dass ein paar Herren mir da den Vortritt gelassen haben ;-)


Glücklich im Ziel und völlig ausgepowert fahre ich Christian in die Arme, der seit genau 7 Minuten da ist. Weitere 7 Minuten später rollt auch Anke über die Linie. Tolle Teamleistung! Alle drei glücklich, pannen- und sturzfrei im Ziel, was will man mehr! Wir rollen weiter in die Stadt Oudenaarde, wo auf dem großen Marktplatz Partystimmung herrscht. Schließlich ergattern wir eine Familienladung belgische Pommes, doch Anke und Christian haben zu dem Zeitpunkt schon 3 Bier intus und dürften bestimmt ein Rad mehr fahren...müssen sie aber auch nicht mehr ;-)


Beim Auffüllen von Flüssigkeits- und Elektrolytspeicher (Salz mit Pommes) lassen wir das Rennen Revue passieren. Nachdem wir auch noch die nächste Eisdiele geplündert haben, geht es mit dem Shuttlebus zurück nach Antwerpen und zum Nachtkiosk. Eingedeckt mit Chips, Schoki und belgischem Bier sitzen wir kaputt aber glücklich (und ungeduscht, mangels warmen Wassers) im Wohnwagen und schmieden schon Pläne für die nächsten Frühjahrsklassiker!


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