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  • Anja Marwitz

Tag 2 Around Norway

Von Elchen und Griechen



Pünktlich um 7 Uhr sitzen wir etwas gerädert an der örtlichen Tankstelle. Die dralle afrikanische Mama hinter dem Tresen hat Mitleid und kredenzt uns üppig belegte Käsebaguettes und nach dem dritten Kaffee (zusammen mit Adrien, der nun auch über den Berg ist) fühlen wir uns bereit für den kommenden Anstieg.



Die Sonne brutzelt gnädig auf uns herab, die Landschaft ist weiterhin grandios und wird allmählich etwas wilder. Reißende Flüsse, tosende Wasserfälle, 14%-ige Anstiege…



Und dann türmt sich plötzlich eine bedrohliche schwarze Wolkenwand vor uns auf! Pünktlich am Gipfel öffnet der Himmel seine Schleusen, und wir rollen zitternd in voller Vermummung Richtung Tal. Ähnliche Szenarien wiederholen sich noch ein paar Mal, ziehen sowohl mentale als auch körperliche Kräfte. Davon mal abgesehen verlieren wir auch viel Zeit mit dem permanenten Wechsel von Regenjacke zu Weste zu Trikot zu Regenjacke. Schließlich fahre ich die meiste Zeit mit Regenjacke und Sonnenbrille gleichzeitig. Da ist man für alles gewappnet…


Oder doch lieber umkehren?

Obwohl Sonntag ist, finden wir zum Glück etwas zu Futtern an der einen oder anderen Tankstelle, wo wir meistens abwechselnd Adrien, dem dankbaren Dänen sowie unserer ärgsten und einzigen Konkurrenz, den Griechen, begegnen. Dimitrios und Evangelos, zwei griechische Radfahrgötter, wie gemalt. Etwas untersetzt in der Körpermitte, etwas übersetzt an den Bikes, und so müssen die beiden jeden kleinen Hügel im Stehen hochwuchten, um überhaupt die Kurbel in Bewegung zu halten. Das sieht natürlich heroisch aus, aber wollen die das wirklich 40.000 Höhenmeter durchhalten? Da die beiden das einzige andere Paar in der Wertung sind, haben wir insgeheim natürlich gewisse Hoffnungen – aber das Rennen ist noch laaaang, deshalb heißt es erstmal: dranbleiben und keine Blöße geben ;-)


Adrien aus Frankreich erreicht schließlich einen Tag früher das Ziel - dank eiskalter Konsequenz! Hut ab!

Sobald es bergauf oder –ab geht, sind wir deutlich schneller als die anderen, allerdings kommen die Jungs immer wieder in meinen zahlreichen Pinkel-/Essens- und Fotopausen heran. Das bekannte Elend – Christian treibt mich immer wieder an, aber so und nicht anders fahre ich nunmal. Nachdem Christian schon ein paar Mal eine Unterzuckerung meinerseits er- bzw. überlebt hat, musste er auch einsehen, dass es keinen Zweck hat, mich von permanenter Nahrungsaufnahme abhalten zu wollen. Da es weiterhin echt heiß (32 Grad!) ist, werfen wir auch regelmäßig Salztabletten und Elektrolytdrinks ein, sodass sich unsere Vorräte in den Taschen schnell zugunsten des Gewichtes reduzieren.

Dann finden wir auch noch einen Sonntags geöffneten Supermarkt, wo sich natürlich schnell die Hälfte des Fahrerfeldes einfindet. Glücklich schütten wir Ketchup über unseren Kartoffelbrei, etwas Deftiges tut einfach zu gut nach all diesem Süßkram!


Kartoffelbrei mit Ketchup - das Glück kann so einfach sein ;-)

Und so sind wir taufrisch, als es einen wunderschönen Berg in regelmäßigen Serpentinen hoch über einen See hinaufgeht, wo Michael mit seiner feinen Spiegelreflexkamera auf uns wartet und tolle Actionshots macht. Da tritt man natürlich nochmal besonders kräftig in die Pedale!


Den Ausblick auf den See muss man sich mit jeder herrlichen Serpentine erarbeiten.

Nach der abermals grandiosen Abfahrt werden wir an einem besonders großen See ausgespuckt. Halb Norwegen ist heute natürlich am Ferienhaus und ich gucke neidisch auf die im Wasser planschenden Kinder. Irgendwann gibt es kein Halten mehr und trotz Zeitdruck lenke ich Knife in eine schöne kleine Bucht. Das Wasser zischt, als wir unsere heißgelaufenen Waden eintauchen. Im Schatten der Birken schmeckt die Marabou-Schoki gleich noch mal doppelt so gut! Fast wie Urlaub!



Kurz darauf stoßen wir auch noch auf einen kleinen Thai-Imbiss, und obwohl wir gerade ganz gut vollgefuttert sind, müssen wir uns einfach ein Pad Thai genehmigen – dieses schmeckt sooo gut (das erste richtige Essen nach unserer Vor-Start-Pizza), dass wir danach mit 30 Sachen stundenlang über eine endlose kleine Waldstraße donnern. Diese ist so wunderschön, dass wir uns fragen, was zuerst da war: Das Rennrad oder diese Straße? Auf jeden Fall hätte man für diese glorreiche Strecke das Rennrad erfinden müssen, so genial rollen wir auf makellosem Teer und fast ohne Autos sanfte Hügel auf und ab, während die Sonne sich in einem Stunden währenden Sonnenuntergang verabschiedet. So macht das Spaß!


These Roads were made for Riding...

Nachdem wir also noch ein paar glorreiche Kilometer auf den Tacho gekriegt haben, wird es irgendwann Zeit, einen Schlafplatz zu suchen… Alles ist irgendwie feucht und mückenverseucht. Schließlich hauen wir uns einfach auf die Veranda eines leerstehenden Ferienhauses. Im Halbschlaf nehme ich noch wahr, wie Christian fluchend und stöhnend die Zeltplane rauskramt, um darin Zuflucht vor den Mücken zu finden, während ich keinen einzigen Stich bekomme und schlummere wie ein Stein.



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